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Dienstag, 10. April 2012

Was gesagt worden ist - Der Versuch einer Zwischenbilanz


Wie mittlerweile so ziemlich Jeder, der nicht in einer Blockhütte im Wald (und entsprechendem Funkloch) wohnt, mitbekommen haben dürfte, hat Grass ein Gedicht geschrieben.

Den hohen Bekanntheitsgrad dieses Gedichtes - darüber herrscht breite Übereinstimmung - basiert nicht auf dessen künsterlischen, literarischen Qualitäten.
Für einen der bekanntesten, zeitgenössischen, deutschen Schriftsteller prägt dieses Gedicht sogar eine überraschend sprachliche Ungenauigkeit, ja Unbedarftheit.

Wo Grass "Israel" schrieb, wurde "die Juden" verstanden und war, wie Grass unlängst nachschob, die israelische Politik gemeint. Das sind semantische Ungenauigkeiten, die einem Verfasser von Weltliteratur ("Die Blechtrommel") nicht passieren dürfte und sollte, auch und gerade unter dem Hintergrund der hochexplosiven geschichtlich und emotional beladeten "Israel-Frage" in Deutschland.

Auch die Etikettierung "Gedicht" ist als verfehlt zu betrachten - nicht, weil es sich nicht reimt, sondern weil wirklich Niemand das Geschriebene wegen der Schönheit seines Versmaßes deklamieren wollte.

Soviel also zu der Darbietungsform; befassen wir uns mit dem Inhalt, und was uns die Reaktion darauf, über die Vierte Gewalt und über die deutsche Stimmungslage lehrt.

Die umstrittenste Strophe aus dem Gedicht, liest sich wie folgt:

"Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird."

Israel (gemeint ist hier der Premierminister Benjamin Netanjahu) hat nachweisbar mehrfach einen israelischen Erstschlag gegen iranische Atomeinrichtungen in Aussicht gestellt, eben mit der von Grass erwähnten Vermutung begründet, Iran sei im Besitz oder vor der Fertigstellung von Atomwaffen.
Fakt ist auch, dass Israel, Schätzungen zu Folge, seinerseits über 100 - 250 atomare Sprengköpfe verfügt. Genaue Zahlen hat man nicht, da Israel dem Atomwaffensperrvertrag nicht beitreten will und somit keine Kontrollen zulässt. Dies alles sind "harte" Fakten und deren Aufzählung kann ja wohl nicht antisemitisch sein.
Von der Auslöschung des iranischen Volkes zu sprechen ist natürlich starker Tobak. Es darf aber in diesem Zusammenhang auch eingeräumt werden können, dass auch ein konventionell geführter Erstschlag gegen iranische Atomanlagen eine humanitäre Katastrophe auslösen würde, mit einem hohen Maß an "Kollateralschäden" (oh, wie ich dieses Wort hasse).
Ein möglicher Gegenschlag Irans würde weitere militiärische Interventionen (auch von westlichen Verbündeten) nach sich ziehen und das Schicksal Irans besiegeln. In der nachfolgenden Eskalationsschraube könnte tatsächlich der 'Weltfrieden' bedroht werden.

Grass ist Schriftsteller und somit Künstler. Die Funktion der Kunst ist es, auf gesellschaftliche und politische Belange hinzuweisen, zu sensibilisieren. Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Nichts anderes hat er getan. Wenn auch sehr ungeschickt.
Die Reaktionen auf seine Zeilen aber, sind ebenso erhellend wie aussagekräftig - sie bilden ein Abbild gesellschaftlicher Verhältnisse und Denkgewohnheiten in Deutschland.

Auf einen Künstler (ja, Kunst ist nicht immer das, was gefällt - oder gefallen will) der auf eine von ihm subjektiv wahrgenommene Gefahr hinweist, mit der Antisemitismuskeule einzudreschen, sagt viel über uns aus, über unser Verhältnis zu Israel, zum Judentum, ja auch zur Kunst.

Wir sind das Tätervolk, dass ist unbestritten. Die Juden sind unsere Opfer, denen wir unnachvollziehbares Leid zugefügt haben - auch dass will ich nicht relativieren.

Sollte uns aber die deutsche Geschichte nicht lehren, die Freundschaft zum jüdischen Volk zu suchen und anzustreben?
Und dürfen Freunde aber dann nicht auch sachlich kritisieren, im zwischenmenschlichen wie auch politischen Bereich?
Muss man beispielsweise die völkerrechtswidrige Siedlungspolitik Israel als Deutscher unhinterfragt hinnehmen, auch wenn man andererseits ebenfalls palästinensische Kriegshandlungen ebenso nicht gutheißt?

Heißt es zwingend, wenn man Israels Drohung des 'präventiven'-Erstschlages kritisiert und deren Umsetzung befürchtet, dass man damit iranische Menschenrechtsverletzungen gutheißt?

Gibt es wirklich nur Schwarz und Weiß?

Diese und viele andere Fragen hat Grass an die Oberfläche gezerrt. Unbequeme Fragen die möglicherweise unbequeme Antworten nach sich ziehen.
Trotzdem, und vielleicht gerade deshalb, müssen diese Fragen gestellt werden!

Grass hat einen Beitrag dazu geleistet. Nicht künstlerisch herausragend und nicht wirklich diplomatisch geschickt.
Darüber hinaus hat Grass uns einen Spiegel über unser deutsch-israelisches Verhältnis vorgehalten. Er hat uns aufgezeigt, dass eine sachliche und nicht emotional aufgeladene Diskussion derzeit immer noch nicht möglich ist.

Dies aber anzustreben ist ein Ziel, was wir nicht aus den Augen verlieren sollten!

Grass hat als Künstler versagt, weil er offensichtlich seine Zunft - den (handwerklich) geschickten Umgang mit Worten - verlernt hat.

Aber Grass hat andererseits auch als Künstler funktioniert, weil er kontroverse Diskussionen ausgelöst hat und eine Auseinandersetzung mit dem deutsch-israelischen Verhältnis forciert hat.
Diese beiden Wahrheiten, so paradox das klingen mag, existieren parallel miteinander.

So schlecht dieses Gedicht auch sein mag, so wichtig ist es andererseits, die Reaktionen darauf - in Deutschland wie in Israel - wahrnehmen zu können.

Man kann viel daraus lernen und begreifen.

Diese Gelegenheit sollten wir versuchen zu nutzen.

Im Sinne einer Freundschaft mit dem jüdischen Volk - und nicht im Sinne eines blinden, unkritischem Vasallentums gegenüber einer israelischen Regierung.

Kommentare:

  1. Dem kann ich nur zustimmen und möchte folgendes dabei bekräftigen, der vorgehaltene Spiegel zeigt ein entsetzliches Spiegelbild. Blinder Gehorsam ist immer noch an der Tagesordnung, genau wie das nachplappern vorgegebener Meinungen.
    Wer sich zu dem Inhalt des, egal ob gut oder schlecht verfaßten, Gedichtes zustimmend äußert schwingt die Antisemitismuskeule. Warum denn eigentlich?
    Wenn ich als Freund Israels, Israel die Meinung sage, dann bin ich doch kein Judenhasser, nur weil in Israel überwiegend Juden leben!
    Gerade als Freund ist es doch meine Pflicht, meinen Freund auf einen Fehler hinzuweisen!
    Mache ich es nicht, bin ich doch niemals ein Freund!
    Hier agiert doch nur eine politische Gruppierung, die ihre eigenen Interessen und die Interessen ihrer Verbündeten und "Freunde" wahren will.
    Gegen diese, richten sich die Worte, die mit ihrem Vorhaben das geblendete israelische Volk, die Iraner, Palästinenser und Araber erneut ins Unglück stürzen wollen. Ins Unglück, um eigene und fremde wirtschaftliche Interessen, durchzusetzen.
    Nur wenn es zu einem Krieg kommt, dann ist die Durchsetzung der Interssen in weite Ferne gerückt!
    Ein Unglück, das weltweite Ausmaße annehmen kann und somit all das bisher gewesene, bei weitem übertreffen wird!

    Das muß ich einfach als Freund des israelischen Volkes sagen dürfen und müssen!

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    1. Es gibt sehr viele Israelis, die Netanjahus Politik kritisieren. Sind das jetzt Antisemiten?

      Wer käme eigentlich auf die Idee, Jemanden einen Christenhasser zu schimpfen, weil er den Papst kritisiert?

      Die Logik ist die gleiche.

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