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Montag, 28. Mai 2012

Alles ist eingepreist

Tim Caspary  / pixelio.de
Wer kennt sie nicht, die magische Schranke in jedem Supermarkt? 
Jeder Kunde findet sich nach dem Einkaufen in einer Schlange wieder. Es gleicht einem Ritual - und ein Ritual lebt davon, nicht hinterfragt zu werden.

Es sind keine Schilder notwendig, wie etwa:
"Die eingekauften Artikel bitte auf das Förderband legen und Geldmittel bereithalten. Nach dem Scannen bitte die Artikel zügig in mitgebrachte oder hier zu erwerbende Trage-/Beförderungsmittel (Rucksäcke, Tragetaschen, Plastiktüten) einräumen. Die Summe der ausgewiesenen Preise abschließend der Kassiererin [in Ausnahmefällen dem Kassierer] übergeben. FERTIG! Sie können nun mit ihrem Einkauf unser Geschäft verlassen."
Hört sich kompliziert an, aber diese Prozedur absolvieren wir traumwandlerisch. Übung macht den Meister.

Ich wurde jüngst Zeuge, dass ein etwa Achtjähriger sich in der Meisterschaft versuchte, den Endpreis seines Vaters Einkaufes zu schätzen. Er war ziemlich gut darin; verschätze sich nur um ein paar Euro bei einem vollgefüllten Einkaufswagen. Vermutlich besitzt er auch ein Handy und beherrscht dieses schlafwandlerisch. Auch wird er (ebenfalls eine Vermutung) googlen können, wann der Release-Termin seines favoritisierten PC- bzw. Konsolenspiels ist.
[Ich, beispielsweise, konnte in diesem Alter nur Flitzebögen bauen, mit der ich die Kinder der Straße versorgte. Suchte, mit dem 'Kunden' die dafür benötigte Rute in der örtlichen Natur aus und übergab das Prachtstück erst nach der Endabnahme (Zielübungen) inkl. selbst gefertigter Pfeile. Wollte noch nicht mal Geld dafür haben. Die Freude der neuen Besitzer reichte mir.
Kein Wunder, dass aus mir nix geworden ist.]

Aber auch, bevor wir diese magische Grenze der Register-, bzw. Scannerkasse überschreiten, bei der der Inhalt unseres Einkaufswagens unter Einsatz von Geldmitteln vom Besitz zu Eigentum mutiert, vollziehen wir nicht zu unterschätzende Fertigkeiten, die dem 'Homo Oekonomikus' zu eigen sind:

Die ständige Gratwanderung zwischen Bedürfnisbefriedigung und sparsamen Einsatz von Geldmitteln ist längst Routine.
Wir wissen z.B. nicht, welche Haltungsbedingungen das Huhn(?) in unserem Geflügelsalat hatte, wo es herkommt, wie es gehalten wurde und ob diesem wachstumsfördernde Substanzen verabreicht wurden. Wir können es der Etikettierung auch nicht entnehmen. Aber hey, wenn die Schale 0,98 € kostet, da fragt man auch nicht! Und: Wenn daneben im Regal ein Geflügelsalat steht, dessen Herkunft und Produktion ebenso unnachvollziehbar ist, aber 40 Cent teurer, warum soll ich dann die teuere Variante wählen?

So kalkulieren wir uns bis zur Kasse durch - mit dem sicheren Instinkt des modernen Verbrauchers. Unterstützen dabei indirekt das System der industrialisierten Massentierhaltung, der Genmanipulation, den Einsatz von Pestiziden und chemischen Düngemitteln. Wir konsumieren willfahrig Lebensmittel mit  Geschmacksmittelverstärker, Konservierungs- und Farbstoffen in unseren Lebensmitteln, die wir ja eigentlich nicht wollen und am Stammtisch vehement und lautstark ablehnen.
Geiz ist immer noch geil! Er wird umso 'geiler', umso weniger Geldmittel wir zur Verfügung haben.

Aber was können wir auch anderes tun? Wir, die wir stetig an Kaufkraft verlieren (mit Ausnahme von Denen, die an dieser Umverteilung profitieren), als Tribut einer alternativlosen (sic!) Verwertungs-und Konkurrenzlogik sind Geiseln dieses Systems, welches wir doch eigentlich ablehnen!

Die mögliche elementare Erfahrung, bspw. einen Apfel von einem immer seltener anzutreffenden, zugänglichen (vom Börsenkurs unabhängigen) Obstbaum zu pflücken um ihn anschließend zu genießen, ist bei den Meisten (wie auch leider bei mir) höchstens im Langzeitgedächtnis gespeichert. Dieses ist nicht gewünscht, da es der kapitalistischen Prinzipien widerspricht.
Denn: Warum Äpfel kaufen, wenn man sie auch einfach pflücken kann?
Oder warum sonst gibt es in Städten nur Zier-, aber keine fruchttragenden Bäume?

Schade, eigentlich, denn diese Geschenke der Natur sind schon aus psychologischen Gründen viel schmackhafter...


Weiterführender Lesetipp zu der Thematik von einem meiner Lieblingsblogger (Roberto J. De Lapuente)...

Kommentare:

  1. Heyhey, Lieblingsblogger - welch Lob! Danke dafür! Und Dank auch für den Text.

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