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Montag, 7. Mai 2012

"Dumm sein und Arbeit haben, das ist Glück." ( Gottfried Benn )

Bin über das titelgebende Zitat in einem lesenswerten Interview mit Konstantin Wecker gestolpert und merkte, dass es bei mir nachhallte und -hallt.

Nachfolgend möchte ich Euch an meinen duderischen Gedankengängen dazu teilhaben lassen:


Wäre es nicht schön, an dieses bestehende System glauben zu können? Sich als (erwerbstätigen) Teil dieser Gesellschaft zu fühlen, ja, vielleicht sogar als Stütze derselben? Wäre es denn nicht schön, sein eigenes Selbstwertgefühl pimpen zu können, durch den herablassenden Blick auf die Abgehängten, denen ich mich überlegen wähnen würde?
Wie bequem könnte es sein, wenn diese komplexe Welt durch kurze prägnante BILD-Schlagzeilen erklärt werden würde! Kein Grau, keine Schattierungen, keine Differenzierungen und kein lästiges kritisches Hinterfragen: Nur Schwarz und Weiß.

Nicht nur Sozialleistungsempfängern würde ich mich überlegen fühlen, nein, es gäbe so viele Bevölkerungsgruppen über die ich mich als Leistungsträger erheben könnte:
Islamisten, linke Weltverbesserer, Ausländer (womöglich noch mit anderer Hautfarbe[!]), Umweltaktivisten (auch so 'Gutmenschen'), (Berufs-) Demonstranten, ... ach, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Natürlich angeführt von den Sozialschmarotzern, die auf meine Kosten leben, faul und spätrömisch dekadent in der sozialen Hängematte schwingend.


Ich hätte keine Sorge um diesen Planeten, und um unsere Zukunft.
Meine einzigen überschaubaren Sorgen wären, meine Ratenzahlungen bedienen zu können, oder dass die Kurse meiner Aktien fallen.
Aber in meiner arbeitsplatzbewehrten Dummheit könnte ich meine Sorgen im Konsum bekämpfen. Nicht nur das: Ich könnte im Konsum sogar mein Glück finden, im Erwerb eines I-Phones, I-Pads, usw. welche mir, mit den entsprechenden Apps, die Schnäppchen meiner Umgebung aufzeigen würden.
Ich hätte nie Langeweile, der Strom des Inputs würde nie abreissen, nie hätte ich Gelegenheit mich mit dem Unbill unserer Zeit auseinandersetzen zu müssen.

Mann, was wären das für paradiesische Zustände!

Trotzdem, würde ich von diesem verdammten Apfel kosten - vom Baum der Erkenntnis. Immer wieder würde ich meine Zähne in dieses wurmstichige Stück Obst schlagen!
Vertreibt mich aus eurem Paradies, ... das ist schon okay.

Mein Weg ist der Non-Konformismus - und in eurem Garten Eden könnt ihr ja wohl sowieso gut auf mich verzichten...

Kommentare:

  1. ich mag deine bescheidenheit in deinen worten ... danke ...

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  2. "Trotzdem, würde ich von diesem verdammten Apfel kosten - vom Baum der Erkenntnis."

    Im Sinne Fausts, der wissen und begreifen will, was die Welt im Innersten zusammenhält? Der Inbegriff menschlichen Strebens und Basis für jede Entwicklung - bis heute unbestritten und gerne immer wieder zitiert, leider aber auch benutzt. Denn es darf nicht nur um dieses Streben gehen, sondern es muss auch um das Ziel gehen, das Faust erreicht: "Auf freiem Grund mit freiem Volke stehen" (und wenn möglich ohne seine eingesetzten Mittel). Im Prinzip geht es, denke ich, um den Sinn des eigenen Lebens, um ein erfülltes Leben. Wenn Benn in seinem Zitat von Glück spricht, bedeutet es wohl eher leichtes Leben (im Sinne von wenige Komplikationen) als Erfüllung. Leider bekommt Benns Zitat angesichts der heutigen gesellschaftlichen Zustände, in denen ohne Arbeit kaum gesellschaftliche Teilhabe möglich ist, eine sehr bittere Zusatzbedeutung.

    Cora

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    1. @Cora:
      Sicherlich ist dieses Zitat nicht wörtlich zu nehmen, gar als Handlungsanweisung.

      Es ist als Mahnmal zu verstehen:
      Wider des auf dem Ramschtisch verkauften Glückes!

      Lieber wissend unglücklich als unwissend glücklich!
      Ich interpretiere Benn, dass das Nicht-Glück - die Unzufriedenheit - wertvoller ist (im Bewusstsein bestehender Zustände) als das unwissende Glück.

      Gerade das Meinungsdiktat -nämlich glücklich sein zu sollen - (als Arbeitsplatzinhaber mit entsprechenden finanziellen Mitteln)- gegenüber den Menschen, die notgedrungen, ... oder gewollt, dem Müßiggang fröhnen, ist politische Linie.

      Wir sollen froh sein, verwertbar sein zu dürfen!
      Als Teil der Verwertungskette.

      Dies gilt es zu hinterfragen:

      Ist meine Existenz dadurch legitimiert, dass ich verwertbar bin?

      Anders ausgedrückt:
      Fußt meine Existenzberechtigung auf meiner Verwertbarkeit?

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    2. Die Katze aus dem Sack8. Mai 2012 um 20:51

      Ich lasse mich nicht zwingen, stoßen, abstempeln, einstufen, werten, abwerten, verwerten oder nummerieren. Mein Leben gehört mir.

      Nutz-Sklaven hingegen werden gezwungen, gestoßen, abgestempelt, eingestuft, gewertet, abgewertet, verwertet und nummeriert.

      Ich bin ein freier Mensch. Was bist DU?

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    3. Wer ich? Ich würde mich auch als frei beschreiben. Du und ich haben aber vielleicht 'geistige Ketten' erkannt und sie somit ablegen können. Dazu gehört, neben der Erkenntnis, auch das Selbstvertrauen sich außerhalb von dem zu bewegen, was die Medien vorgauckeln und die breite Masse bereitwillig annimmt.

      Schon die Spiritualität sagt einem, dass man frei ist. Die Grenzen bestehen nur im Geist allein.

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    4. Ja, so ist es. Die Grenzen des Geistes kann jeder, sofern er das "Dumm-Sein" nicht als bequeme Ausrede benutzt, selber überwinden. Ganz im Sinne der Aufklärung sozusagen. Ich selber brauche das wie die Luft zum Atmen und wundere mich immer wieder, dass nicht jeder dieses Bedürfnis zu haben scheint. Das größere Problem sind andere Grenzen. Angesichts unserer heutigen gesellschaftlichen und politischen Situation kommt mir immer häufiger eine Karrikatur aus dem 19. Jh. in den Sinn, auf dem Männer wild gestikulierend um einen Tisch sitzen, alle mit einem Mundknebel versehen. Darüber ein Schild: "Der Club der Denker", rechts die Tagesordnung, deren letzter Punkt lautet: "Wie lange mag uns das Denken wohl noch erlaubt sein?" Wer heutzutage im Geiste frei ist, wer hinter all die bunt angemalten Kulissen schaut, weil er verstehen will und versteht, warum unsere Gesellschaft so gnadenlos kalt und unbarmherzig ist, der kann sich doch überhaupt nicht mehr arrangieren mit diesem System. Und dennoch, wer (über)leben will, kann sich maximal punktuell zur Wehr setzen, aber doch immer im Rahmen des Systems? Bin ich frei? Im Geiste ja, privat ja, als Teil des Systems, dem sich, so denke ich, niemand ganz entziehen kann, zumal, wenn er in einem abhängigen Arbeitsverhältnis steht, nein. :((
      Nun ja, wenn ich an dem Konflikt nicht zerbrechen will, muss ich wohl weiter kämpfen, damit ich auch morgen noch mein eigenes Spiegelbild ertragen kann. :)

      Cora

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    5. @Cora:
      100%ige Übereinstimmung!
      :)

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    6. es ist wohl so, dass die mehrheit, um sich aus ihrer selbstverschuldeten unmündigkeit zu erheben, einen noch weitaus größeren leidensdruck braucht. die herrschenden wissen das und versuchen - zynisch - mittels "wohltaten" auf pump für die verbleibende mittelschicht (stichwort: betreuungsgeld) diesen druck so lange als möglich klein zu halten. er wird auf kommende generationen verschoben. immer unter dem motto: für mich wirds noch reichen.

      der egoismus gegenüber mitmenschen und folgegenerationen ist und bleibt DIE geissel der menschheit.

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  3. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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