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Sonntag, 22. Juli 2012

Mangelnde Internetpräsenz (statt 'Killerspiele') als Erklärungsansatz für Amoklauf

Bin gerade über einen SPIEGEL-Beitrag gestolpert, der mich (mal wieder) fassungslos zurück lässt.

Dort geht es um den mutmaßlichen Attentäter von Denver, James Holmes, insbesondere um seine mangelnde Internetpräsenz.

Der Artikel bringt die Verwunderung zum Ausdruck, dass Holmes so wenig Spuren im WorldwideWeb hinterlassen hat.

Folgende Stilblüten sind dort u.a. zu finden:

"Aber Facebook, Twitter, irgendein Social Network herkömmlicher Strickart? Fehlanzeige.
Bei den Fahndern wirft das Fragen auf, während es bei jüngeren Internetnutzern
[Quelle der Erhebung???] für Fassungslosigkeit sorgt. Ihnen erscheint Holmes wie ein Geist. Wie kann das sein, dass ein 24 Jahre junger amerikanischer Akademiker nicht vernetzt ist? Mit niemandem kommuniziert, Bilder tauscht, Status-Aktualisierungen veröffentlicht, sich selbst öffentlich macht?"[Hervorhebungen vom Blog-Betreiber]

'Fassungslosigkeit', nicht weil Jemand ohne nachvollziehbaren Grund unschuldige, willkürlich ausgewählte Menschen niedermäht, sonder weil er bei keinem 'Social Network' einen Account hat?
Soll so seine Soziopathie erklärt werden? Eine nicht nachvollziehbare Gewissenlosigkeit und Menschenverachtung?

WTF!
Es geht noch weiter:
"Vielleicht ist Holmes unter seinem Namen wirklich darum nicht zu finden, weil er seine Identität bewusst verschleiert hat. So wie Anders Breivik das getan hat, der Massenmörder von Utøya, der seine Untat fast genau ein Jahr zuvor beging. Auch er ein fast Unsichtbarer im Web, der sich nur in wenigen Foren öffentlich äußerte. Ein Einzelgänger im wirklichen Leben, wie Holmes. Zwei sozial isolierte, geistig verwandte Unmenschen?" [Hervorhebungen vom Blog-Betreiber]

Wow, Leute: Falls ihr noch keinen Blog betreibt, in keinem sozialen Netzwerk seid, Euren `Status' nicht zumindest täglich updated, nirgendwo Spuren, die mit Eurer Identität verknüpfbar sind, gestreut habt: Lasst Euch bitte sofort freiwillig und vorsorglich in eine geschlossene Nervenheilanstalt einweisen um andere Menschenleben zu schützen! Ihr steht in der Tradition von Breivik und Holmes! Ihr seid sozial isolierte Unmenschen, potentielle Massenmörder!

Mag sein, dass Ihr Eure sozialen Kontakte noch über Telefon pflegt. Manchmal vielleicht sogar Briefe schreibt (und Euch sogar noch auf das 'Briefgeheimnis' beruft - verdächtig!) oder Euch in Ausnahmesituationen mit Freunden sogar persönlich trefft (ein konspirativer, höchst verdächtiger [weil digital nicht nachvollziehbarer] Eye 2 Eye Kontakt).

Aber wundert Euch dann nicht, dass Eurer Gebaren dann auf ein krankhaftes Bedürfnis nach Anonymität interpretiert wird, was auf einen zukünftigen Amok-Lauf hindeutet!
Ein Erklärungsansatz für dieses absonderliche Verhalten wird dann auch gleich mitgeliefert:
"Doch vielleicht braucht man aus Holmes' fehlender Online-Präsenz kein Mysterium zu machen. Vielleicht ist Holmes einfach nur ein ehemaliger Überflieger, der mit seinem eigenen Scheitern nicht zurechtkam. Ein Niemand, der jemand werden wollte, und sei es mit Gewalt auf Kosten unschuldiger Menschen. Denn fast noch auffälliger als die Tatsache, dass Holmes selbst im Web so abwesend ist, ist etwas anderes: Man findet auch keine Freunde von ihm. Niemanden, mit dem er kommuniziert hätte."
Keine Kommunikation mit Freunden im Internet!

Also (deshalb?) ein Niemand, der mit seinem eigenen Scheitern nicht zurechtkommt?

Dass muss ja in Massenmord enden!
(???)


Die Moral von der Geschichte:

Meldet Euch endlich bei Facebook an!

Sammelt mindestens 300 Online-Freunde!

Ansonsten wundert Euch nicht, wenn ihr das Täterprofil eines potentiellen Amokläufers innehabt!

Wie krank kann unsere Gesellschaft denn noch werden, dass solch ein Bullshit 'common sense' ist?!


P.S.: Entschuldigt bitte den Sarkasmus/Zynismus in Zusammenhang mit diesem Massaker. Ich gedenke den unschuldigen und sinnlosen Opfern in allem Respekt!

Aber auf manche medial verbreiteten, unausgegorenen Hirnpubsereien, wie zum Beispiel der Annahme, dass wenn Jemand die Pflege seiner sozialen Kontakte nicht über das Internet (und den damit nachvollziehbaren Spuren) abwickelt, auf Soziopathie, respektive potentiellen Massenmord hinweist - das ist so starker Tobak dass ich dann doch nur noch mit Sarkasmus/Zynismus darauf reagieren kann.




Euer Duderich



Kommentare:

  1. das muss ich verlinken!
    Danke für diesen Beitrag!

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    1. Danke! Sehr guter Text zu dem Thema auch auf Deiner Seite!

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  2. Es ist eine Zumutung für den Qualitätsjournalisten, wenn er nicht von irgendwo guttenbergen kann. Da muss der, über den er schreiben will, ja ein Entarteter sein. Kein Bekennerbrief, keine Actionfotos zum Ausschlachten - einfach unerhört!

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  3. Wie stets nach solchen Vorfällen überschlagen sich die Küchen-Psychologen in den Medien mit ihren selber zusammengereimten Weisheiten. Man braucht über solchen Artikeln bloß die sattsam bekannte Überschrift »So tickt der irre Attentäter« zu lesen und weiß bereits, dass im Text darunter nix als belangloser Schmarrn steht.

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  4. Hallo Duderich,

    wenn Sarkasmus zur Wahrheit wird ...

    Hatten wir darüber nicht vor einiger Zeit einen Dialog (was das hier?) in Bezug zur Idee Facebook mit der Schufa zu verknüpfen? Spöttisch stellte ich die Frage in den Raum, ob man dann nicht schon verdächtig wirkt, wenn man sich nicht überall - fast schon exhibitionistisch - zur Schau stellt und auf gläsernen Bürger zu machen wünscht.


    Et voilà ... das leitet sich ja schneller ein, als man meinen könnte. Aus solch "belanglosem Schmarrn" werden ganz schnell Fakten geschaffen, dös wäre nicht das erste Mal. Wobei ich häufig den Eindruck habe, dass ausgerechnet MEME (belangloser Schmarrn - oder Viren des Geistes) es wesentlich einfacher haben, sich zu verbreiten und somit erst zur Tatsache deklariert zu werden, als ein Faktum selbst.

    Lieben Gruss
    Rosi

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    1. Der SPIEGEL-Text wikt fast beleidigt, weil Holmes seiner Rolle als Amok-Läufer nicht gerecht wurde und so wenig aktiv im Internet war, und konstruiert DARAUS wiederrum sein Amokläuferdasein.
      Man reibt sich verwundert die Augen.

      Lieben Gruß zurück

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