Follow by Email

Donnerstag, 19. Juli 2012

Können wir eine 'bessere Welt' herbeikaufen?

Die Geiz-ist-geil-Mentalität ist weit verbreitet und manifestiert die bestehenden Zustände.

Mündige Bürger, die sich nicht damit zufrieden geben wollen, alle vier Jahre ein Kreuzchen machen zu dürfen, stellen die Forderung auf, das Quäntchen, was das Individuum verändern kann, durch eigenes Konsumverhalten zu steuern.
Eine berechtigte Forderung, die aber aufgrund der bestehenden Umstände wohl leider enttäuscht werden muss:

Zu erst sind die Produkte, die per Label Nachhaltigkeit und gerechte Löhne suggerieren, teurer. Dies klingt so banal, wie es ist, da höhere (gerechtere) Löhne, nachhaltige Erzeugung und Umweltschutz in den Preis hineinkalkuliert werden müssen (sofern dieses überhaupt stattfindet). Das Etikett 'Bio' und 'Fair Trade' kostet also.

Kann also die Vernunft, die Einsicht, unser Kaufverhalten so beeinflussen, dass bessere Produktionsbedingungen dadurch erzwungen werden können?
Leider spricht einiges dagegen:
  • Es fehlt das Feed-Back: Der Mensch ist psychologisch so gesteuert (konditioniert), dass er, wenn er gewollt Einbußen für ein höheres Wohl in Kauf nimmt, eine nachvollziehbare positive Rückmeldung braucht. Die bekommt er (in der Regel), wenn er einem Obdachlosen eine Münze in den Hut wirft, aber nicht, wenn er teurere Produkte kauft um sich für bessere Produktionsbedingungen  einzusetzen. Er sieht das Schwein nicht, das artgerechter gehalten wurde, bevor es sein Fleisch gab. Er sieht kein dankbares Lächeln eines Lohnarbeiters, der aufgrund seines Kaufverhaltens nun eine Lohnsteigerung bekommt. 
  • Die Formel teurer gleich gerechtere Produktionsbedingungen ist für den Konsumenten nicht nachvollziehbar: Egal, wie viel Geld ich für ein Produkt ausgebe - es ist so gut wie unmöglich dessen Produktionsbedingungen nachvollziehen zu können. Beispiel Kaffee: Selbst wenn ich zehn Euro für das Pfund ausgäbe, weiß ich nicht, welchen Stundenlohn die Kaffeebohnenernter haben, ob die Kaffeebohnen nachhaltig angebaut werden, oder über Monokultur den Mutterboden abbauen und damit weitere Abholzung von Waldbeständen forcieren. Sicher, 'Bio' und 'Fair Trade' pimpen erstmal das Gewissen des Konsumenten. Nachvollziehbare Sicherheit, bestehende Zustände, selbst marginal durch sein Kaufverhalten zu verändern, hat der Konsument leider nicht.
  • Durch die Weisheit unserer erhabenden Legislative müssen genveränderte Glieder in der Produktionskette nicht auf dem Produkt ausgewiesen werden. Die Produzenten haben die Möglichkeit, darauf hinweisen zu können, bspw. keine genveränderten Futtermittel zu verwenden. Hat aber irgend jemand bspw. schon auf einer Kaffee-Packung den Hinweis gelesen, dass die Kaffeebohnenpflanzen nicht genmanipuliert sind?
  • Selbst wenn ein Produkt, gerechte und nachhaltige Produktionsbedingungen verspricht (mir ist keines nachweislich bekannt), so sind/wären dessen Kosten weit über dem, was sich bspw. ein Sozialleistungsempfänger leisten kann/könnte. Welcher Hartz-IV-Empfänger kann sich (ökonomisch) den Luxus gönnen sich durch sein Kaufverhalten für nachhaltige Produktion  einzusetzen? Die, die unter diesem Ausbeutungssystem am meisten leiden, können nicht anders, als paradoxerweise durch ihr Konsumverhalten, entgegen ihren ureigensten Interessen, den weiteren Raubbau an sozialer Gerechtigkeit und unserer Umwelt zu unterstützen.
Die Produktionsbedingungen des Produktes, welches erworben wird, sind weitgehend unbekannt und nicht nachvollziehbar.
Trotz 'Bio' kenne ich nicht die Produktionsbedingungen im Sinne der ökologischen Nachhaltigkeit; trotz 'Fair Trade' kenne ich nicht die Stundenlöhne der an der Produktion Beteiligten.

Als Konsument also, mache ich mich jeden Tag (auch durch staatlich verordnete Unwissenheitschuldig  - selbst wenn ich den Luxus habe, meinen Bedarf im Reformhaus decken zu können. Wir Alle - ob uns das bewusst ist, oder nicht - erhalten dieses System am Laufen.
Ob Tiefkühlpizza oder Gemüse aus der Region (wobei letzteres sicherlich weniger schadet) - wir unterstützen Produktionsbedingungen, die uns letztendlich in den Abgrund führen.

Ich möchte nicht missverstanden werden:

Kauft soviel Bio und Fair Trade wie ihr könnt!
Dies mag marginal sicherlich Einfluss haben.

Den Systemwechsel, für den Umbruch, der Nachhaltigkeit und der sozialen Gerechtigkeit aber, wird man (das ist meine persönliche Überzeugung) auch durch sein Kaufverhalten nicht initiieren können.

Die Revolution findet nicht an der Supermarkt-Kasse statt, sondern draußen auf der Straße!

P.S.: Grüße an Don für die Inspiration (Wehe, Du kommentierst dies nicht! ;)  )


Kommentare:

  1. ich gebe dir ja in den meisten punkten recht:

    natürlich ist es für den verbraucher nahezu unmöglich, die umstände nachzuvollziehen, unter denen ein produkt entsteht.
    und natürlich ist es (derzeit) dem sozial schwächeren beinahe unmöglich, ethisch einwandfreie produkte zu kaufen, weil sie für ihn schlicht unerschwinglich sind.

    ABER:

    wieso habe ich so oft den eindruck, die menschen wissen noch viel weniger, als sie wissen könnten?
    wieso erlebe ich so oft den suv-fahrer beim discounter, der auch noch stolz darauf ist "nicht so blöd zu sein und für lebensmittel auch nur einen cent mehr als nötig auszugeben"?

    anders gesagt:

    warum nehmen wir nicht wenigstens die möglichkeiten wahr, die uns unbestreitbar zur verfügung stehen?

    kann ein mensch wirklich behaupten, er wisse nicht, dass ein 10-liter-diesel-offroader in der innenstadt von München die umwelt mehr belastet, als die u-bahn oder das fahrrad?
    gibt es wirklich noch menschen, die glauben, dass die erde auch dann noch existieren kann, wenn alle 2,5 milliarden Chinesen und Inder genauso 120 kg fleisch/jahr essen, wie der durchschnittliche Us-amerikaner?
    muß man tatsächlich noch erklären, dass eine stromrechnung, die pro jahr um 100 € höher ausfällt, das geringere übel im vergleich zur beibehaltung von kohle- und atomkraftwerken ist?

    natürlich müsste die politik deutlich mehr tun, die wirtschaft zu zwingen, externalisierte kosten zu internalisieren und die verbraucher über die tatsächlichen inhalte und produktionsbedingungen aufzuklären. aber ich glaube dennoch, dass jeder einzelne auch jetzt schon viel erreichen könnte, wenn er einfach seinen lebensstil und sein konsumverhalten bewusster hinterfragen würde.

    es erscheit mir oft nur wohlfeil, immer auf die politik zu warten im wissen, dass man dann lange selbst nichts tun muß, um sein leben zu ändern.

    abgedroschen, aber trotzdem so wahr: jede reise beginnt mit dem ersten schritt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Don!

      Mein Text soll keine Argumentationshilfe sein, für diejenigen Menschen, die Du beschreibst.

      Natürlich kann man durch sein Konsumverhalten Einfluss auf bestimmte Dinge nehmen. Ich versuchte nur zu beschreiben, warum der niedrige Preis die Konsumenten oft mehr lockt als nachhaltige Produktionsbedingungen.

      Wie Du schon richtig angedeutet hast, haben gerade die westlichen Industrienationen eine miserable Umweltbilanz.

      Niemand sollte sich der Verantwortung entziehen, durch eigenes Konsumverhalten die Umwelt so gut es geht zu schonen. Seiten, wie http://www.foodwatch.de leisten hier Hilfe für Kaufentscheidungen.

      In so fern unterschreibe ich auch Dein ABER.

      Löschen
  2. Ich gehöre bestimmt nicht zu den Menschen, die sich ihr Leben lang auf Schnäppchenjagd befinden und ich schränke mich auch ein. Aber ich habe etwas dagegen, wenn mir weisgemacht wird, ich könnte die Welt ein Stück retten, wenn ich zum Vegetarier würde. Wer ständig das Lied von der Verantwortung des Konsumenten/Verbrauchers singt, stimmt damit eben auch ein in die Leier vom schönen Märchen des funktionierenden Systems von Angebot und Nachfrage und verschiebt damit die Verantwortung auf den Konsumenten, der dann z.B. sogar Schuld daran ist, dass Unternehmer Gammelfleisch in den Handel bringen, weil wir ja alle billig einkaufen wollen. Das ist genauso ein Unsinn wie der Glaube daran, dass in erster Linie die Nachfrage das Angebot beeinflusste und vekehrt den Zusammenhang von Ursache und Wirkung und damit von Schuld und Verantwortung.
    Wie soll ein pervertiertes System mit Mitteln geschwächt werden, die auf einem funktionierenden System beruhen? Wie weit soll sich der Konsument denn einschränken, damit das System verändet wird, gar nicht mehr konsumieren? Erstens wird es nie passieren, dass sich alle Konsumenten so weit verweigern, dass das wirklich ein Umdenken auch der Unternehmen und "Eliten" bewirken würde (Das ist wie mit den Wahlen. Wenn niemand zur Wahl ginge, wäre was erreicht. Wenn aber auch nur 1% wählen geht, sind die Wahlverweigerer die Deppen), zweitens ist jeder Teil des Systems und schon dadurch, dass er sich an die Regeln des Systems halten muss, wenn er kein Außenseiter einer sozialen Gemeinschaft sein will - mit Arbeit seinen Lebensunterhalt bestreiten z.B. mit daran geknüpften weiteren Sachzwängen und Verhaltensweisen (bei Abhängigleit), beruflicher Werdegang, Familie absichern etc etc.
    Das mag alles nach Ausrede klingen, aber niemand kann sich doch diesem System gänzlich entziehen, es sei denn, wir werden alle zu Aussteigern.
    Ich finde, das System, wie es ist, ist nicht mehr zu retten und einen Weg zurück zu einer besseren Zeit (wenns die gegeben haben sollte) wird nicht machbar sein mit den heutigen Machtstrukturen. Da müssten ganz neue Wege beschritten werden. Aber die kennt keiner wirklich. Aber zerstört werden muss, was krank ist und uns krank macht.
    Ich befürchte, das wird dauern und letztendlich nicht gewaltlos passieren.
    Ich hab schon länger das Gefühl, aus dieser Welt gefallen zu sein.

    Gruß, Cora

    AntwortenLöschen
  3. liebe Cora,

    du argumentierst auf zwei ebenen, die ich gerne getrennt betrachten möchte:

    das eine ist unser neoliberales system, mit seinen zwängen, profiteuren und abgehängten. dieses system verursacht viele der misstände (gammelfleisch etc.), die du benennst.

    daneben gibt es aber die allgemeine ebene des lebenswandels, egal in welchem system. und davon spreche ich in erster linie: unser fleischkonsum kann nicht auf alle menschen der erde ausgedehnt werden. das hat nichts mit kapitalismus, sondern mit ökologie zu tun. das gleiche gilt für unseren energie- und sonstigen ressourcenverbrauch.

    das sind für mich unverrückbare daten. jedes "neue" system, das in erster linie mehr gerechtigkeit bringen soll, muß auf deren grundlage basieren.

    ergo kann man einen ersten (robusten) schritt hin zu einem neuen system tun, indem man seinen eigenen lebenswandel so gestaltet, dass (um mit Kant zu sprechen) seine prinzipien jederzeit grundlage allgemeiner regeln sein könnten.

    anders: jeder von uns sollte anfangen so zu leben, dass dieses leben auch für bal 9 milliarden andere menschen möglich ist, ohne die lebensgrundlagen zu vernichten.

    da wird vegetarismus (wahrscheinlich) dazugehören. so leid mir das tut.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Don M. Tingly,

      ich glaube nicht, dass man diese beiden Ebenen trennen kann. Wenn es darum geht, das System zu überwinden, nutzt es meiner Meinung nach wenig, den zweiten vor dem ersten Schritt zu tun.
      Der zweite ist der, zu überlegen, wie man, wenn dann die Möglichkeit besteht, menschliche Gemeinschaft gestalten kann und muss.
      Ich weiß auch nicht, warum ich mich jetzt, weil ich auch gerne Fleischprodukte esse, wiedermal schuldig fühlen soll/muss. Dieses Einreden von Schulgefühlen ist es, das heute an jeder Ecke benutzt wird, um Verhaltensweisen zu ändern, und ganz und gar nicht im Sinne einer echten Verbesserung für ein soziales Miteinander, sondern um wahre Verantwortliche aus der Schusslinie zu nehmen, nach dem Motto: Jeder ist seines Glückes Schmied. Das empfinde ich als Manipulation im Sinne des Erhaltes von Machtstrukturen.
      Was würde wohl passieren, wenn jetzt schlagartig niemand mehr Fleisch- und Wurstprodukte essen würde (und auch keine Milchprodukte und Eier, weil ja mehrheitlich Produkte der Massentierhaltung)? Vermutlich müsste sich der Unternehmer dann umstellen. Aber reicht dann das angebaute Getreide und Gemüse, um alle zu ernähren? Denn wir bauen sie ja nicht größtenteils im eigenen Garten (so man denn einen hat) an (Obwohl das sicher eine Option wäre). Derjenige, der damit Profit machen wollen wird (und um nichts anderes geht es doch heute), wird sich schon was einfallen lassen, um ihn sich zu sichern. Spielt dabei Ökologie eine Rolle oder der Hunger am anderen Ende der Welt? Und da sind wir wieder bei der Unmöglichkeit, die beiden Ebenen zu trennen, solange das System sich so erhält.
      Warum soll es denn nicht möglich sein, dass jeder seinen Sonntagsbraten genießen kann? Hat das etwas mit Ressourcen zu tun? Oder meinst du, es bräuchte zu viele Tiere, die dann die Ökologie stören würde, weil es zu viele Menschen auf der Erde gibt? Dann müsste man tatsächlich alle zivilisatorischen Fortschritte tilgen, am besten den Menschen selbst zurückbeamen in eine vor"zivilisatorische", auf jeden Fall vorindustrielle Zeit.
      Es ist das global agierende Kapital, das gestoppt werden muss und, klar, auch die industrielle Massentierhaltung.
      Einschränkungen: unbedingt, verantwortlicher Umgang: 3 mal Ja! Vegetarismus als Allheilmittel? alternativlos? Dem kann ich nicht zustimmen.
      Aber wie gesagt. Es existiert kein Patentrezept, kann ja auch gar nicht.

      Grüße, Cora

      Löschen
  4. Lieber Don,

    daran würde ich mich gerne versuchen, wenngleich ich davon ausgehe, die Antwort mag u.U. nicht gefallen, doch ich bitte meine Ausführungen zu überdenken und keinesfalls als Angriff zu werten:

    „wieso habe ich so oft den eindruck, die menschen wissen noch viel weniger, als sie wissen könnten?
    wieso erlebe ich so oft den suv-fahrer beim discounter, der auch noch stolz darauf ist "nicht so blöd zu sein und für lebensmittel auch nur einen cent mehr als nötig auszugeben"?

    anders gesagt:

    warum nehmen wir nicht wenigstens die möglichkeiten wahr, die uns unbestreitbar zur verfügung stehen?“

    Nicht „unbestreitbar“, sondern nur «scheinbar», lieber Don. Könnte es ganz kurz ausdrücken:

    Jede Bewegung innerhalb eines in sich geschlossenen Systems (als bildliches Beispiel: wie das symbiotische Verhältnis Baumwurzel-/Pilzgeflecht) führt in die Bewegung des Systems und - das ist wichtig - auch wieder zurück. Ist also das System, wie es gleichzeitig wieder zum System wird und sich durch das System aufsaugt.

    Oder mit Adornos Worten:

    „Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muß dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen. Redet man unmittelbar vom Unmittelbaren, so verhält man kaum sich anders als jene Romanschreiber, die ihre Marionetten wie mit billigem Schmuck mit den Imitationen der Leidenschaft von ehedem behängen, und Personen, die nichts mehr sind als Bestandstücke der Maschinerie, handeln lassen, als ob sie überhaupt noch als Subjekte handeln könnten, und als ob von ihrem Handeln etwas abhinge. Der Blick aufs Leben ist übergegangen in die Ideologie, die darüber betrügt, daß es keines mehr gibt.
    Aber das Verhältnis von Leben und Produktion, das jenes real herabsetzt zu ephemeren Erscheinung von dieser, ist vollendet widersinnig. Mittel und Zweck werden vertauscht. … Die Änderung der Produktionsverhältnisse selber hängt weiterhin ab von dem, was sich in der «Konsumsphäre», der bloßen Reflexionsform der Produktion und dem Zerrbild wahren Lebens, zuträgt: im Bewußtsein und Unterbewußtsein der Einzelnen. …. Wird einmal der Schein des Lebens ganz getilgt sein, den die Konsumsphäre selbst mit so schlechten Gründen verteidigt, so wird das Unwesen der absoluten Produktion triumphieren.“

    Stimmt auffallend, hat sie getan, also triumphiert, die Produktion. Und weiter:

    „... In der individualistischen Gesellschaft jedoch verwirklicht nicht nur das Allgemeine sich durch das Zusammenspiel der Einzelnen hindurch, sondern die Gesellschaft ist wesentlich Substanz des Individuums.

    Seit der umfassende Verteilungsapparat der hochkonzentrierten Industrie die Sphäre der Zirkulation ablöst, beginnt diese eine wunderliche Post-Existenz ...“

    Nicht umsonst sprechen viele bereit von «post-demokratischen» Prozessen.

    ff.

    AntwortenLöschen
  5. Teil 2

    Und so gebe ich (mit Adornos Worten) in Erwägung zu ziehen (und bitte das nicht als Kritik zu verstehen, so ich mich selbst als Bestandteil sehe):

    „Für den, der nicht mitmacht, besteht die Gefahr, daß er sich für besser hält als die anderen und seine Kritik der Gesellschaft mißbraucht als Ideologie für sein privates Interesse. Während er danach tastet, die eigene Existenz zum hinfälligen Bilde einer richtigen zu machen, sollte der dieser Hinfälligkeit eingedenk bleiben und wissen, wie wenig das Bild das richtige Leben ersetzt.“

    Eine harte Lebensaufgabe, aus meiner Perspektive betrachtet, nahezu ständig muss man sich daran erinnern und wieder an diesen Punkt zurückführen, so man den Überblick zu behalten wünscht (und gleichzeitig nicht daran zerbrechen möchte). Und weiter:

    „ … Der Distanzierte bleibt so verstrickt wie der Betriebsame; vor diesem hat er nicht voraus als die Einsicht in seine Verstricktheit und das Glück der winzigen Freiheit, die im Erkennen als solchem liegt. Die eigene Distanz vom Betrieb ist ein Luxus, den einzig der Betrieb abwirft Darum trägt gerade jede Regung des sich Entziehens Züge des Negierten. Die Kälte, die sie entwickeln muß, ist von der bürgerlichen nicht zu unterscheiden. Auch wo es protestiert, versteckt sich im monadologischen Prinizip das herrschende Allgemeine.
    ….
    Es gibt aus der Verstricktheit keinen Ausweg. Das einzige, was sich verantworten läßt, ist, den ideologischen Mißbrauch der eigenen Existenz sich zu versagen ...“

    Letzteres hat dann schon seine Auswirkungen, sonst gäbe es nicht einmal Bio oder Fair Trade. Dass es das gibt ist ein Zeichen dafür, dass die „Revolution an der Kasse“ längst stattgefunden hat und veranschaulicht, wie das System damit locker fertig wird, es als Revolution quasi verpufft und statt dessen implementiert wird.

    Ausgerechnet anhand dieses Konsumthemas kann man erkennen, wie das System arbeitet und sich die Frage: „warum nehmen wir nicht wenigstens die möglichkeiten wahr, die uns unbestreitbar zur verfügung stehen?“ nahezu von selbst auflöst.

    Es ist nicht von Belang, dass ein SUV vor dem Bioladen und/oder vor Aldi parkt (beides wirkt nahezu paradox), während der Inhaber auf Einkaufstour geht; das käme einer Beschreibung des Unmittelbaren gleich (so ich mich jetzt auf Adorno beziehe … was nicht gleichbedeutend ist, man solle es nicht bemerken oder festhalten).

    Es ist jedoch von Maßgebung, wie sich der Markt Fairtrade/Bio entwickelt; gleiches gelte für den SUV und seinen Fahrer selbst, wobei beide längst ihren zugewiesenen Aufgaben als Objekte des Marktes nachkommen. Und seit geraumer Zeit wurde Bio/Fairtrade selbst vom System in eben symbiotischer Weise aufgesogen/eingebaut. In den Märkten steht mehr Bio zur Verfügung, als angebaut werden kann, nachweisbar angebaut wird und das gilt vom Bio-Ei bis hin zur Bio-Kleidung, Anbau, Transport, Verpackung, Label … Konsum, wie den Emotionen, die wir damit verbinden. Was uns zu der Erkenntnis führt, dass sich die Möglichkeiten hier nahezu überspannt haben bzw. im Markt (System/Geflecht(Symbiose) aufgegangen sind. Denn das System ist nicht statisch, reagiert, fängt auf, und formt um, könnte man formulieren, so, wie es sich anpasst. Nahezu wie Sympatikus und Parasympathikus oder das Spiel zwischen Parasiten und Immunabwehr oder Jäger und Beute.

    Bio ist Markt, Markt ist Geld, Geld ist Kapital, Kapital führt zu Markt und zur Objektivierung seiner Teilnehmer.

    ff.

    AntwortenLöschen
  6. Teil 3

    „kann ein mensch wirklich behaupten, er wisse nicht, …“

    Nein, das kann er nicht behaupten. Und trotzdem ist es nahezu unmöglich, wirklich auszubrechen. Das zu glauben ist eine sich selbst erschaffene Illusion (über deren Sinn man sicherlich Bücher schreiben könnte). Doch können wir den SUV-Fahrer vor Aldi wirklich guten Gewissens verurteilen, bzw. uns selbst über ihn erheben? Müssten wir nicht - so wir uns einer solchen Argumentationskette zu bedienen wünschen völlig frei sein von Tadel (zumindest einem solchen)? Sind wir gerade nicht im www? Welcher Provider gestattet uns den Eingang? Welche Technik liegt dem zugrunde? Wer baute die Tastatur, auf was für einen Monitor schauen wir. Was steht auf unserem Rechner für ein Label und was auf den Bauteilen, die ihn bestücken? Wie sind wir an die Software gekommen, welche benutzen wir? Wer stellt dem Duderich sein Hosting zur Verfügung? Wie wohnen wir, wie kommt das Signal der Kommunikation nach draußen? Usw. usf.

    Du schreibst:
    „dass jeder einzelne auch jetzt schon viel erreichen könnte, wenn er einfach seinen lebensstil und sein konsumverhalten bewusster hinterfragen würde.“

    Darauf würde ich antworten, das haben wir getan, tun wir in Teilen ununterbrochen (doch niemals vollständig, denn wir kämen nicht mehr zu anderen Dingen, aus den Recherchen nicht hinaus, während wir uns bei der Recherche schon der Mittel des Systems bedienen) zumindest haben es eigentlich genug Verbraucher getan (immer soweit man den Informationen habhaft wird, werden kann). Es wird immer den Gedankenlos-Mercedes-Fahrer-Aldi-Geiz-Geilen unter uns geben, keine Frage. Doch einer ausreichenden Mehrheit bleiben (mit und durch) bis jetzt nur die Spielregeln des Marktes (das neoliberale System). Wäre es anders, hätte der Markt um Fairtrade und Bio gar nicht derart wachsen können. Würde man nicht nachfragen, entstünde nun kein solch riesiger und gewinnträchtiger Markt, das ist eine unbestreitbare Tatsache.

    Nur das Beispiel Bio-Baumwolle herausgezogen. Es gibt weltweit nicht einmal derart viel Bio-Baumwolle, aus denen man die ganzen T-Shirts machen würde, von den Farbstoffen, die man benutzt, die jedes Bio eigentlich hinfällig machen, ganz abgesehen. Die meisten Closes kommen wohl aus Indien und dort passiert, was das System einfordert. Wenn wir nicht genug davon haben, nun dann vermischen sie es einfach, weil man in Indien nicht einmal versteht, warum wir derart viel Wert darauf legen; ganz davon abgesehen, dass dies den Gewinn enorm erhöht und sich der Kaufmann – ob seiner „klugen“ Strategie – die Hände reibt .

    ff.

    AntwortenLöschen
  7. Teil 4

    Wir schimpfen oft auf die Anpassung der sog. 68er Generation. Wir schimpfen häufig auf den nationalsozialistischen Hype Deutschlands, beachten dabei jedoch nicht die systemischen Prozesse, eben das Zusammenspiel von System/Gesellschaft und Individuum und wieder zurück.

    „natürlich müsste die politik deutlich mehr tun,“

    Eigentlich müsste sie alles tun. Denn Politik ist gleichzeitig System, Systemgeber, wie Systemnehmer und ein Subjekt im Verband, oder kurz: Wir, die Gesellschaft. Dazu muss man Politik praktizieren; daran mangelt es, zum großen Teil eben auch systemisch bedingt. Die Menschen haben alle unterschiedliche Aufgaben innerhalb des Systems sowie unterschiedliche Lebensziele.

    „es erscheit mir oft nur wohlfeil, immer auf die politik zu warten im wissen, dass man dann lange selbst nichts tun muß, um sein leben zu ändern.“

    Es erscheint … nun, das liegt vermutlich daran:
    „jede reise beginnt mit dem ersten schritt.“

    Ebenda! Und das dauert, rechnet man eine globale Reise ab dem ersten Schritt, so mag man nicht einmal erkennen, dass man eine solche macht. Das ist so mit den Schritten und das bleibt so bei den Schritten, denn es ist einfach zu langsam, wird auf dem Weg assimiliert.

    Und was exakt ist, auf die Politik zu warten? Politik ist/wäre das einzige Mittel, welches uns zur Verfügung steht, um Systeme durch Individuen schneller, wirkungsvoller und nachhaltiger zu verändern. Politik muss jedoch von uns betrieben und betrachtet werden, nicht als ein Objekt, sondern als Subjekt.

    Das Problem ist längst nicht mehr durch den Einsatz von Individuen zu lösen, sondern nur noch gemeinsam, weil das bestehende System sich sofort an die Handlungen (Schrittchen) der Individuen anpasst. Das ist ja eines der Markenzeichen von Markt, eben seine Anpassungsfähigkeit, insbesondere in Punkto Geschwindigkeit. Wird der Markt zum System – und das ist er nun einmal geworden … wie von Adorno beklagt -, ist er das System.

    Das Big-Business des Discount-Billig-Marktes trägt sich, wie der Duderich schon anmerkte, durch sich selbst. Es bedingt Armut, wie es Armut produziert, Armut hält es am Leben (natürlich würde es kippen, gäbe es nur noch Arme, doch soweit lässt man es in der Regel nicht kommen).

    Nicht der Geiz-ist-Geil-Mercedes-Fahrer macht den Umsatz, sondern die Armut selbst,die sich dadurch wieder reproduziert. Das Big-Business Bio/Fairtrade macht man eben mit dem SUV-Fahrer (und der fährt seinen SUV auch nicht einfach nur so … das sieht nur auf den ersten Blick so aus … doch das noch führt m.E. zu weit vom Beispiel weg) und führt den guten Willen durch die Gesetze des Marktes ad absurdum.

    Das könnte man sehr gut an der berühmt-berüchtigten Fast-Food-Kette aus USA veranschaulichen. Nur in Europa ist der Hamburger ein relativ teures Produkt, in USA ist das ganz anders. Ca. 1,36 USD ein komplettes Menü. Futter für Armen halt, welches gleichzeitig die Gesundheit und die Energie raubt, ergo ruhig stellt und ruhig stellen soll. Sicherlich in Europa nicht derart ausgeprägt, doch m.E. unübersehbar geht es in dieselbe Richtung.

    Denn es ist 1. Spielregel im Markt, wer wirklich gesund, fair, nachhaltig und bio möchte, der muss sich das auch leisten können (damit meine ich nicht nur das aktuelle Einkommen, sondern dessen nachhaltige Sicherung), in einem gewissen Maße mehr autark sein. Und trotzdem bleibt er im System und arbeitet auch immer für das System.


    ff.

    AntwortenLöschen
  8. Teil 5

    Und als Ergänzung möchte ich hinzufügen, meine Ausführungen sind nicht als Antithese gedacht, im Kehrschluss das Individuum sei seiner Verantwortung vollständig zu entbinden oder gar dazu, dass System als einzig wahren Verantwortlichen auszumachen, gleich einem übergeordnetes totalitären Objekt (denn es ist doch durch Individuen erschaffen, gestaltet und betrieben). Mitnichten sind sie das, sie sollen nur aufzeigen, dass man sich, so man den Blick auf das Individuum wendet, gleichwohl das System nicht aus dem Auge verlieren sollte. Umgekehrt ist m.E. genau so falsch (was heißt falsch, eigentlich nicht falsch, sondern m.E. eher nicht ausreichend), also eben nur den Fokus auf das System gerichtet.

    Der Duderich hat schon völlig Recht, wenn er ausführt:

    „Die Revolution findet nicht an der Supermarkt-Kasse statt, sondern draußen auf der Straße!“

    Die Revolution an der Supermarkt-Kasse spielt immer nach den Spielregeln des Marktes und der hat das assimiliert (und weitere längst eingeplant).

    „du argumentierst auf zwei ebenen, die ich gerne getrennt betrachten möchte:

    das eine ist unser neoliberales system, mit seinen zwängen, profiteuren und abgehängten. dieses system verursacht viele der misstände (gammelfleisch etc.), die du benennst.“

    Das sollte man m.E. niemals getrennt betrachten, weil eine Trennung m.E. gar nicht möglich ist. Und, wie man an Cora sehr deutlich erkennt, eben dazu führt, wozu es führt. In die Auseinandersetzung einzelner Individuen.

    Mir geht es ganz ähnlich, wie Cora, wenn ich vermutlich auch anders damit umgehe. Kant hat sicherlich Recht damit, dass man sollte. Die Krux an der Geschichte ist, es gibt stets eine Diskrepanz bei der subjektiven Einschätzung, was dies denn wohl genau sei, was man sollte und dass man obendrein mitnichten tut, was man meint, was man sollte obwohl man weiß, dass man sollte (oder meint zu wissen, was man sollte). Denn innerhalb des Systems, wie ich im langen Blabla vor mich her sabberte, führt letztlich alles wieder ins System. Das Problem ist nicht nur der Beginn eines Individuums, sondern eben die Tatsache, dass es 9 Milliarden andere gibt, von denen die meisten jeweils abweichend subjektive Einschätzungen mit sich tragen und die wenigsten tatsächlich aus dem System heraus kommen (kann das überhaupt noch wer auf dem Planeten … bis auf einzelne Exemplare abgesehen?) oder es gar adäquat steuern.

    Wozu gehört Vegetarismus? Zu einer nachhaltigen Welt? Zu einer Verbesserung der Lebensgrundlagen? Ganz sicher? Den Gedanken wirklich schon mal zu Ende gedacht? Nichts spricht dabei gegen Vegetarismus, doch würden alle Menschen ihren täglichen Bedarf damit ausschließlich decken, so müsste man sich ausrechnen, inwieweit die Anbauflächen menschlich verdaulicher Direktkost auf dem Globus wachsen müssten um alle ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen. So über den Daumen gepeilt - mit Gras und Futtermais ist es nicht getan - sicherlich um ein Vielfaches. Und als Vor- und Nachteil zugleich, das geht mitnichten in Form der Massengrünhaltung (als Gegenstück zur Massenviehhaltung). Nun, Monsanto würde sich auf jeden Fall schon mal freuen, so viel ist sicher. Denn predigen sie es doch schon seit Anbeginn, die grüne Gentechnik sei alternativlos, so man des Bedarf der Welt zu decken habe.

    Und hier ebenso, meine Ausführungen sind nicht als Antithese gegen einen gewissenhafteren Umgang mit der Ressource Fleisch gedacht. Alles, m.E., in ausgewogenen Maße.

    Lieben Gruß
    Rosi

    AntwortenLöschen
  9. Noch eine Ergänzung von mir. Der Titel "Können wir eine 'bessere Welt' herbeikaufen?" weist bereits auf das in meinen Augen Dilemma hin:
    Als "Teilnehmer" des Marktes im Rahmen der Regeln des Marktes den Markt selbst grundlegend zu ändern, kann in meinen Augen einfach nicht gelingen. Der Markt wird zwar reagieren, was evtl. eine kurzzeitige "Verbesserung" zu bewirken scheint. Das System selbst bleibt aber dasselbe, sodass sich auf Dauer nichts ändern wird und kann.
    Das, was verloren gegangen ist, nämlich Menschlichkeit, Solidarität, Empathie, Natur als eigenen Ursprung und Heimat statt Ressource zu sehen, wird nach den Regeln des Marktes nicht berührt.

    Die Regeln des Marktes aber bestimmen Menschen, nicht zuletzt Politiker im Auftrag derer, die unter Markt nichts anderes als eine Profit- und Verwertungmaschinerie (der Mensch als Ware eingeschlossen) verstehen. Also muss es doch Poltik sein, auf die Druck ausgeübt werden muss.

    Ich erinnere mich in dem Zusammenhang an die DDR, in der ich groß geworen bin, und die sogenannte "sanfte Revolution" (die leider nicht zu Ende gebracht wurde). Warum? Ganz einfach: Damals war es "leicht", auf die Straße zu gehen, denn es ging nicht um das System selbst, gegen das wir uns aufgelehnt haben, sondern um die Politikerkaste, von der wir uns belogen und betrogen fühlten (Alles für das Volk der Werktätigen zu tun) und unserer doch ständig beschworenen freiheitlichen Mitbestimung beraubt. Und das Volk war nicht so gespalten wie heute. Da gab es nicht den Kampf um Prestige und materielle Werte, ganz einfach, weil die Unterschiede nicht so groß waren. Da ist es einfacher, sich zusammenzutun und sich politisch zu solidarisieren, der zu "Bekämpfende" war genauso klar auszumachen.
    Zwei Tatsachen finde ich bis heute bemerkenswert:
    1. Die Wandlung von dem selbstbewussten Ausruf "Wir sind das Volk" zum nach Anschluss heischenden "Wir sind ein Volk" (den ich damals echt nicht verstanden habe),
    2. Die noch heute von Altbundesbürgern vertretene Ansicht, es sei uns "Ossis" von Anfang an doch nur um die D-Mark gegangen.
    Steckt hinter dieser Aussage nicht ein dieser Gesellschaft immanentes Menschenbild, dass es jedem Menschen in seinem Tun in erster Linie um materiellen Reichtum gehen müsse? Ich finde mich da nicht wieder, und ich vermute nur, wer hier groß geworden ist, hat das vielleicht so sehr verinnerlicht, dass anderes nicht vorstellbar ist? Dass es zumindest immer eines der grundlegenden Handlungsmotive ausmacht?
    Und ist das nicht ein Grund dafür, dass Solidarität in unserem Land so schwer herzustellen ist, weil alles nur am Geld gemessen wird (nicht erst seit heute), auch der Wert des Menschen? Weil so die Menschen ganz leicht gespalten werden können? Weil als Folge sogar berechnet wird, was uns und jeden Einzelnen Solidarität kostet? Das heutige neoliberale Modell vom "rational" handelndem Menschen auf einem Fundament aufbaut, das gesellschaftsimmanent immer schon da war?

    Dem, was Rosi sagt, nämlich dass politisch gekämpft werden muss, gegen eine Politik, die sich dem Diktat der v.a. Finanzwirtschaft beugt, stimme ich vorbehaltlos zu. Und dass es dazu eines gemeinsamen Handelns bedarf.
    Die oben genannten Bedingungen zeigen mir, dass es derzeit aber wahrscheinlich kaum möglich sein wird.

    Grüße, Cora

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Cora,

      ich selbst hatte eine Freundin, die im Osten geboren wurde. Über ihre Eltern wurde ich zu Freunden der Familie eingeladen. Ich bin sonst nie von mir fremden Menschen so freundlich und vorbehaltslos empfangen worden! Vom ersten Moment an fühlte ich mich nicht als Gast, sondern als Teil eines Verbundes. Dies war eine Erfahrung, die mir sehr wertvoll ist. Heute noch.

      Es ist nicht so, dass wir Wessis von den Ossis nichts lernen konnten/könnten. Aber wir haben dies nicht. Dies ist unsagbar traurig und schade.

      Wir gerierten uns als Sieger (des Systems) und haben uns den Osten einverleibt, als hätten wir ein Krieg gegen diesen gewonnen.

      Wenn die damaligen Bürger der DDR voraussehen hätten können, was 'die Wende' ihnen bringt - sie hätten wohl den Schulterschluss mit der BRD nicht angestrebt.

      Was nutzt die Reisefreiheit, wenn man sich eine Reise aus wirtschaftlichen Gründen nicht leisten kann?

      Was nützen demokratische Wahlen, wenn sich die bestehenden Zustände durch diese nicht verändern lassen?

      Weiß nicht, ob sozialistische Dikatur schlimmer ist als die kapitalistische. Ich selbst kenne (als Wessi) nur die eigene.

      Und die schmeckt mir immer weniger - inzwischen gar nicht.

      Das kapitalistische, neoliberale System ist einfach nur subtiler. Freiheitliche Wahlen suggerieren uns, dass wir, das Volk, unsere Zukunft selbst bestimmen können. Diese Illusion wird immer fadenscheiniger.

      Mein Vorteil als Wessi ist wohl, dass ich (im Gegensatz zu den Ossis) nur eine Diktatur durchlebt habe.

      Heute, ist es wieder Zeit zu skandieren: "Wir sind das Volk!"

      Stattdessen sind wir nur auf unsere eigenen Pründe bedacht. Stattdessen haben wir Angst, dass Schwächere von unserem Reichtum abbekommen (was natürlich nicht passiert sondern bei den Banken landet).

      Nur die eigene Existenz, der eigene Wohlstand, die eigene Angst, dieses zu verlieren treibt uns noch an.

      Schöne neue Welt!

      Löschen
  10. hallo Rosi, hallo Cora,

    ich möchte mich zunächst für den konstruktiven, zivilisierten diskurs bedanken. das ist sehr wohltuend in einer welt, in der abweichende meinungen meist sofort aggression auslösen.

    dann möchte ich noch einmal auf mein bild der zwei ebenen zurückkommen: systemisch ausgedrückt bilden die 9 milliarden menschen ein subsystem des systems erde, mit der macht, es so zu verändern, dass die menschheit ihre lebensgrundlage verliert. hier spielen viele faktoren eine rolle; in erster linie aber der ressourcenverbrauch. wenn die menschheit fortfährt die ressourcen der erde schneller zu verbrauchen, als diese sie regenerieren kann, werden wir scheitern. das system erde scheitert erst in 4 milliarden jahren, wenn die sonne verglüht. unabhängig, ob mit oder ohne menschen.

    wenn wir also das menschliche überleben sichern wollen (zumindest so lange möglich), müssen wir menschliches verhalten in vieler weise ändern: überbevölkerung, ernährung, energiegewinnung, erhalt der artenvielfalt sind hier die vordringlichsten stichworte.

    das hat zunächst noch nichts mit gerechtigkeit zu tun. hierbei handelt es sich um ganz grundlegende einsichten. dazu gehört eben auch, dass der fleischkonsum drastisch eingeschränkt werden muß. indem ich das feststelle, schwinge ich mich nicht zum moralapostel auf, der sich ethisch überlegen fühlt. es ist eine rein sachliche feststellung unter den derzeitigen technisch verfügbaren produktionsmethoden.
    auch die individuelle mobilität muß anders organisiert werden: weg von fossiler energie, weg von oberflächenversiegelung durch straßen etc.

    den menschen steht eben nur ein begrenztes, regenierbares kontingent an ressourcen zur verfügung (wie Heinz Sauren in Duderichs obigem verweis schön ausführt).

    dieses angenommen, komme ich zur zweiten (ebene) frage: wie kann man sicherstellen, dass die beschränkten ressourcen gerecht verteilt werden? und hier gebe ich Rosi mit ihrer systemanalyse völlig recht: der liberale markt wird es nie richten, ob mit oder ohne fairtrade, bio oder veganer produktion. dem markt ist ein "immer mehr" intrinsisch. er führt immer zum wettbewerb aller um die ressourcen, in dem am ende wenige starke siegen und viele schwache auf der strecke bleiben.

    wir müssen daher zu völlig neuen methoden der verteilung gelangen, die mm am besten durch die (klassisch kommunistische) beschreibung des "jeder nach seinem vermögen und jedem nach seinem bedarf" beschrieben wird.
    dies erfordert aber in erster linie einsicht. einsicht vor allem der momentan starken, da sie sich werden einschränken müssen. diese einsicht wäre in meinen augen eine total neue stufe des "menschseins". eine nächste stufe sozusagen der evolution des menschen, nicht in körperlicher, sondern in geistiger art.
    eine nächste entwicklungsstufe jenseits von nationen, kriegen, kapital und ausschließlicher jagd nach materiellem. ja, ich spreche durchaus von einer art spiritueller erneuerung des menschen. ein glückstreben, dass sich in solidarität, nächstenliebe und naturverbundenheit erfüllt.
    in der kunst wurde diese stufe schon mehrfach beschrieben: etwa das paradies der bibel oder des koran, aber auch (moderner) die welt-zivilisation in Star Trek.
    ich weigere mich zu glauben, dass dies nicht erreichbar sein soll und das schicksal des menschen im endlosen kampf jeder gegen jeden liegen soll.

    und hier möchte ich den kreis schließen: wenn ich für mich entscheide, meinen ressourcenverbrauch bereits jetzt und völlig freiwillig den marktgesetzen zu entziehen und mich einzuschränken, erhebe ich damit nicht den finger oder maße mir an, über anderen zu stehen. genausowenig möchte ich aber darauf verzichten, nur um mich genau diesem vorwurf nicht auszusetzen.

    lg
    Don

    p.s.: danke Dude für dein engagement in diesem blog und der möglichkeit sich derart gut austauschen zu können, die du uns bietest.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. "p.s.: danke Dude für dein engagement in diesem blog und der möglichkeit sich derart gut austauschen zu können, die du uns bietest."

      Nein, lieber Don - ich habe zu danken!

      Bin immer wieder erstaunt, gar verwundert, (so auch hier) mit welch qualitativ hochwertigen Kommentaren meine Postings geadelt werden. Nicht nur inhaltlich - sondern auch im Umgang miteinander - findet hier ein Argumentationsaustausch nach meinem Geschmack statt, aus dem ich selbst sehr viel lerne und herausziehe.

      Daraus speist sich übrigens auch mein Engagement... :)

      P.S.: Diese Lobeshymne ist natürlich auch an Rosi und Cora adressiert.

      Löschen
    2. Hallo Don

      Sorry, das ich mich so spät melde, war schlicht nicht da ;):

      Hierzu wollte ich noch kurz Stellung nehmen:

      "wir müssen daher zu völlig neuen methoden der verteilung gelangen,"

      In der Tat, das müssten wir und das möglichst bald.

      "in der kunst wurde diese stufe schon mehrfach beschrieben: etwa das paradies der bibel oder des koran, aber auch (moderner) die welt-zivilisation in Star Trek.
      ich weigere mich zu glauben, dass dies nicht erreichbar sein soll und das schicksal des menschen im endlosen kampf jeder gegen jeden liegen soll."

      Letztlich sehe ich das nicht viel anders, denn sie kommt schon vorwärts, irgendwie, die Menschheit, sie entwickelt sich. Kommt mir fast vor, wie 5 Schritte vor ... und dann wieder vier zurück.

      Doch ich bezweifle es würde so schnell gehen, dass wir das noch erleben werden. Aber das kann man ihr nicht einmal vorwerfen, eigentlich sind wir eine rechte junge Spezies und so etwas dauert. Berücksichtigt man dann noch den Intellekt und die komplizierten Strukturen *seufz* ... da wird noch Zeit ins Land gehen.

      PS: Gebe alle "Lobeshymnen" zurück ;) und danke ebenfalls für die ausgewogene Sachlichkeit, die Plattform und die sehr selten gewordene Höflichkeit im Umgang. Man sollte eigentlich meinen, dies sei eine Selbstverständlichkeit (zumindest dachte ich das einst ...). Leider ist dem nicht so. Aber das www spiegelt letztlich auch nur den alltäglichen Umgangston. Schade eigentlich, so viele Möglichkeiten ...

      Löschen
    3. "ich weigere mich zu glauben, dass dies nicht erreichbar sein soll und das schicksal des menschen im endlosen kampf jeder gegen jeden liegen soll."

      Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Das sehe ich genauso. Ich bin nur skeptisch, was die Möglichkeit bzw. der Wille zur Einsicht der "momentan Starken" angeht.

      Schließe mich dem Dank an! Feines Blog hier!

      Grüße, Cora

      Löschen
  11. Mit Bio und Öko erkauft man sich ein reines Gewissen. Man braucht sich nicht mehr groß politisch zu informieren, sich zu engagieren, zu protestieren, zu streiken oder gar zu demonstrieren. Einfach ein bisschen mehr zahlen und durch den (Bio)Konsum ein besserer Mensch sein und die Welt verbessern. So einfach geht das heute.

    Marketing-Fachleute, die Werbung und CSR haben ganze Arbeit geleistet.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Na, dass die Leute durch Bio- und Fairtrade-Konsum vom streiken und demonstrieren abgehalten werden, halte ich für ne steile These. :)

      Erkenne aber den Zynismus in Deinen Worten und kann diesen durchaus nachvollziehen.

      Denke aber, nicht die Marketing-Strategen haben Bio- oder Fairtrade erfunden, sondern die Nachfrage nach solchen Produkten. Wie Rosi schon richtigerweise feststellte, hat der Markt darauf einfach nur reagiert.

      Eins noch: Gegen Massentierhaltung zu demonstrieren, aber Aldi-Fleisch zu essen, kann die Lösung ja auch nicht sein.

      Gruß, Duderich

      Löschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.