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Sonntag, 23. September 2012

Sekt oder Selters?


Das Pfeifen im Wald wird lauter. Viele der linken, emanzipatorischen Meinungsvertreter (zu denen auch ich mich zähle) machen einen anbahnenden Wandel aus, der deshalb determiniert ist, weil es ja so nicht ewig weiter gehen kann. Die Reichtumsverteilung fließt, faktisch und unleugbar, stetig von unten nach oben. Unbotmäßiger Reichtum auf der einen Seite und existenzielle Armut auf der anderen Seite nehmen stetig zu. Bedingen sich gegenseitig. 
Unter'm Strich ein Null-Summen-Spiel, welches aber immer größere Unwuchten erzeugt, die sich in immer fataleren gesellschaftlichen Spannungen entladen.

Gerade das linke Lager versteigt sich nun gerne in die  (optimistische) Prognose, dass diesem Ungleichgewicht eine natürliche Grenze innewohnt, welches sich zwangsweise in einem (positiven!) Struktur-/Systemwandel entladen muss. Wir steuern, dieser Einschätzung folgend, einem Brake-Even-Point zu, der einen korrigierenden gesellschaftlichen Wandel einleitet, ja unvermeidbar macht. Aber auch ein anderer 'Wandel' (der eigentlich keiner ist) ist möglich:

Zwei tendenzielle Zukunfts-Szenarien möchte ich deshalb zur Diskussion stellen:


  • Das Volk (die 'kritische Masse') erhebt sich gegen die bestehenden Ungleichheiten und erkämpft sich einen nachhaltigen, vernunftgeleiteten Wandel. Die gesellschaftliche Reichtumsverteilung wird umgekehrt. Aufgrund des Druckes der Mehrheit werden Vermögende stärker in die gesellschaftliche Verantwortung genommen. In diesem Szenario gibt es irgendwann weder Multimillionäre noch Armut und Not. Der Raubbau an natürlichen Ressourcen wird eingestellt, da wir der Erkenntnis folgen, dass die Menschheit auf diese angewiesen ist. Nachhaltigkeit bestimmt die Ökonomie. Hunger wird weltweit bekämpft und wir wachsen zu einer Weltgemeinschaft zusammen, die von Solidarität und Humanität geprägt ist. Nicht Konkurrenz, sondern Fairness und Teamplay bestimmen Denken und Handeln.
  • Die Erosion der Demokratie nimmt weiter zu. Die Interessen des Kapitals können sich allumfassend durchsetzen. Die in der Geschichte erkämpften Menschenrechte werden weiter sukzessive abgebaut. Persönliche Freiräume nehmen immer weiter ab und weichen einem totalitärem Überwachungsstaat. Das Demonstrationsrecht, dass Recht auf freie Meinungsäußerung, die Pressefreiheit, sowie Sozialleistungen werden abgeschafft. Das Gewaltmonopol des Staates geht nach und nach in private Hände über. Sicherheit, Bildung, Kultur und Infrastruktur sind nur noch Vermögenden zugänglich. Oppositionelle werden Terroristen gleichgesetzt und mit aller (militärischen) Härte verfolgt und bekämpft. Aufgrund des kommerziellen Raubbaus an der Natur ist gesunde, natürliche Nahrung nur noch wenigen zugänglich und somit Luxus.

Welches Szenario haltet ihr für wahrscheinlicher?

Was ist zu tun, um erstes Szenario herbeizuführen, bzw. letzteres zu verhindern?


Nachtrag: Inspiriert zu diesem Post wurde ich durch den Austausch in den Kommentaren meines letzten Beitrages mit @Rosi. Ich danke ihr dafür.

Kommentare:

  1. Die pessimistische Version:
    Da man der kritischen Masse gerne erklärt, dass Version 1 eine Utopie ist, wird das Kritikbewusstsein seinen pragmatischen Realitätssinn dahingehend benutzen, in Version 2 zu enden.

    Die optimistische Version:
    Die Experten jeglicher Couleur sterben aus, womit die kritische Masse gezwungen ist, selber zu denken. Was sie auch kräftig zugunsten ihres eigenen Egoismus benutzen werden. Womit wieder neue Experten zu Potte kommen, die ihre Chance sehen, sich pragmatisch zu profilieren. Was den Zeitraum aber erheblich verlängert, um in Version 2 zu enden.

    Die noch optimistischere Version:
    Die Experten jeglicher Couleur sterben zuerst nicht aus, aber schaffen es wie durch ein Wunder, - der kritischen Masse, ganz ohne Philosophie, alte Schmachtfetzen und Eigenprofilierung, sondern aus reinem humanem Verständnis heraus, Version 2 auf eine Art und Weise zu erläutern, welche diese auch verstehen könnte. Danach werden die Experten, ganz ohne Wunder, aber sehr automatisch aussterben. Und alles wird gut. (Naja ... i wish to believe ;-)

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    1. Experten werden heute nicht mehr ernst genommen. Der Begriff 'Experte' wird mittlerweile inflationär gebraucht.

      Ich persönlich glaube nicht, daß sog. 'Experten' irgend eine maßgebliche Rolle bei einem möglichen Wandel spielen werden.

      Wir werden sehen..! ;)

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    2. Nü,-ja. Ich sehe nicht nur die Experten, welche auch so in aller Öffentlichkeit betitelt werden. Also NaOst-Scholl-Latours, Chinaexperten, Terrorexperten, Kochexperten usw. usf. Davon haben eigentlich die selbsternannten Finanz- und Wirtschaftsexperten im täglichen Blätter und Medienwald, - den größten Einfluss. Und ich kann jetzt nicht so recht nach vollziehen, - dass die nicht ernst genommen werden. Aber sei's drum. Was ich zusätzlich meine, sind die "selbst-gefühlten" Experten. Woraus die meisten der auch tatsächlich als "Experten" bezeichneten sich i.d.R. ergeben. Es gibt z.B. durchaus jede Menge davon im Bereich Aufklärung, Philosophie, Politik, Kunst, Medizin, Wissenschaft, Pseudo-Wissenschaft, Esoterik usw. usf. Sarrazin, fällt übrigens auch darunter. Ich hab heut noch Geigen an der Backe, die halten den für einen Experten in Sachen Wirtschaft und gesunder gesellschaftlicher Entwicklung. (Kann man sehen, wie man will.) Auch die letzte Klimadebatte, hatte ein gar gewaltiges Feld dieser "gleitend übergehend" selbst gefühlten Experten zu Tage gefördert. Ein Teil davon, fällt sogar unter die Sparte Wissenschaftskommunikation im Blätterwald. Vom marktradikalen Halbfeld der Psychoschiene will ich erst gar nicht reden. Da sieht's geradezu danach aus, dass eine Expertenschwemme, die echten Experten glatt überrollt. Aber man muss den Begriff Experte nicht benutzen, um ihn indirekt anklingen zu lassen. Z.B. "soziale Kompetenz", - ist eines dieser Dinger, wo sich Leute ganz besonders Expertisen-orientiert verhalten. Und man will gar nicht glauben, wer das alles in den Mund nimmt. Auch jeder Kant oder Adorno-Leser, glaubt heute "gefühlt" Experte in Sachen Aufklärung zu sein. Die Luhmänner, sind schon seit längerem, - die geborenen Soziologen. Meinen sie jedenfalls. Mitunter trifft man sogar Sloterdijk-Konsumenten, die sich jetzt für Philosophen, - ja sogar Kunstkenner halten. (Deren Rezensionen liebe ich übrigens. Man kann ganze Seiten über Bewunderung von Elaborationen verbraten, ohne auch nur einmal anzusprechen, was denn da ausgearbeitet wurde ;-) Und dann winken sie mit ihren Lese- bzw. Bildungserfolgen, und sind die nächsten, welche bei ausreichender Popularität, die Meinung vor-geigen. Oder gar als journalistische Experten, in genau den Blättern enden, die am Stammtisch die Suppe stinken lassen. Nu hat unsereiner beileibe nichts gegen guten Lesestoff. Die Frage ist nur, - wird es verwendet, um sich selber als gefühlter Experte zu profilieren, - oder um wahrhaftig zu helfen? Dies betrifft sehr ernsthaft auch das linke Spektrum. Der mentale Unterschied zwischen "ehrlichen" Wahlhelfern, und den bei Erfolg auftauchenden Theoretikern, (genau aus dieser Sparte der gefühlten Experten für das richtige System z.B.), welche dann das Ruder übernehmen, - ist frappant. Ich könnte sowohl mit dem benannten, wie auch mit dem gefühlten Expertentum leben und klar kommen, - wenn es da nicht eine Sache gäbe, die eigentlich schrecklich gemein ist. Auch wenn ich Personenkulte genauso wenig mag wie Profilierungen über Kenntnisstände, - schlag ich mich fürs Beispiel mal auf die Seite der Adornisten. Würde man die Kritik an der Aufklärung tatsächlich ernst nehmen, dann müsste die Reflexion und Behandlung der Eitelkeit des Intellekts, - unbedingt dazu gehören. Die Humanisten, haben zumindest keine Probleme damit. Und der erste Humanist, der sich zum Experten dafür erklärt, muss das 7 Milliarden mal erklären :-)

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    3. Ui, - sorry. Is länger geworden, - wie beabsichtigt. Wird nicht wieder vorkommen.

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    4. Keine Sorge, @eb, Platz ist hier genug. ;)

      Zu den Experten: Sicherlich gibt es viele von denen, echte und pseudo.
      Was ich aber denke, ist, dass Experten weder einen möglichen Wandel auslösen werden, noch, fälls er denn käme, diesen relevant beeinflussen würden.

      Wahrscheinlicher (und auch gefährlicher) wären falsche Führer/Leitfiguren, die eine mögliche Neugestaltung der Gesellschaft an sich reißen und in ihrem Sinne mißbrauchen.

      Aber dies ist nur meine persönliche Einschätzung/Meinung.

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  2. Wenn man begreift, dass der Sinn des Kämpfens immer im Kämpfen selbst liegt, würde Deine Variante 1 automatisch in Variante 2 münden. Es sähe nur am Anfang anders aus (s. z.B. kurze Zeitspanne nach WK II).

    Denn Gewalt mündet immer in Gewalt. Das ist m.E. ein unwiderlegbarer Fakt. Diejenigen, die sich dann unterdrückt fühlen, werden versuchen Kräfte zu sammeln und ihrerseits den Aufstand proben. (Wieso werde ich jetzt automatisch an die Weimarer Republik und das Nachfolgende erinnert)

    Deswegen wäre mir eb's letzte Version, die eines transportierten, humanistischen Verständnisses weitaus lieber. Experten werden zwar niemals ganz aussterben, weil niemand auf jedem Gebiet sich alles erklären kann, doch sie verlören ihre Bedeutung als Machtinstanz.

    Ein solches Szenario halte ich nicht für ausgeschlossen. Würde jedoch schätzen, das dauert ein paar hundert, wenngleich nicht ein paar tausend Jahre. Und man sollte sich dabei über jedes kleine Schrittchen nach vorne sich freuen (und nicht auf die sofortige Perfektion hoffen ... oder wenn es nicht so ist, aufgeben oder es als Mist deklarien, gleich ungenügend), denn auf dieses Schrittchen baut sich das nächste auf.

    Ob wir so etwas einmal schaffen, als Menschheit, wer weiß das schon, würde niemals nie sagen. Doch bis morgen bekommen wir das nicht hin, ausgeschlossen, uns fehlt schlicht die Basis (die unsrige ist gar eine extrem gruselige .. würden wir die erst einmal bearbeiten ... wären wir längst weiter).

    Lieben Gruß
    Rosi

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    1. "Wenn man begreift, dass der Sinn des Kämpfens immer im Kämpfen selbst liegt, würde Deine Variante 1 automatisch in Variante 2 münden. Es sähe nur am Anfang anders aus (s. z.B. kurze Zeitspanne nach WK II)."

      Ich verstehe nicht, was Du meinst!? Verstehe nicht, warum Variante 1 in Variante 2 münden muss?

      Die Variante 1 ist übrigens mein ganz PERSÖNLICHES(!) Utopia. Jeder mag sich etwas anderes darunter vorstellen..!

      LG Duderich

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  3. Nun:

    «Erheben», «erkämpfen», «bekämpfen», «Druck», «umgekehrt»

    Sprache ist ein komplexes Dinges, finde ich. Doch sie ist ein prima Indikator für Kultur bzw. Dinge, die sich in uns verinnerlicht haben, auch wenn wir es nicht merken. Sprache drückt Inneres aus, wie sie sich auch nach Innen trägt (wir gewöhnen uns an Sichtweisen/Denke über das Medium Sprache). Ohne, dass wir das in der Regel bemerken.

    Exakt derart, wie man das bspw. auch am Neolib-Sprech ableiten kann. Worte, wie «Human-Ressources» oder «Human-Kapital» bedeuten in der Denke, in der Umsetzung, was sie umschreiben. Wir werden so gesehen (für die meisten erscheint das ganz normal) und derart behandelt. Wir sind Faktoren im Spiel der Ressourcen und des Kapitals. Mehr sind wir nicht, das ist offensichtlich. Denke, das ist Dir längst aufgefallen und ich meine, Du hättest auch schon mal etwas dazu geschrieben. Doch das hört bei Neolib-Sprech nicht auf.

    Schau ich mir jetzt die Deinigen an, sind es doch viele Kampfworte in einem Absatz mit nur 99 Worten. Die meisten stehen in der Einleitung und beschreiben nicht Dein Ziel, Dein persönliches Utopia (welches völlig in Ordnung ist), sondern wie Du meinst, dass es erreicht werden kann. Möglich, Du wolltest derartiges gar nicht ausdrücken, doch so stehen die Worte dort oben.

    Hier zieht der Spruch: "Der Weg ist das Ziel" bzw. "Der Weg führt zum einem Ziel". Und ich bin als Pazifist felsenfest der Überzeugung, dass man einen «vernunftgeleiteten Wandel» weder «erkämpfen», noch mit «Druck» erzeugen kann.

    Kampf führt zu Wiederkampf, Druck führt zu Gegendruck. Umkehrung auf Basis solcher Kampfparameter weckt Begehrlichkeiten für das erneute Messen der Kräfte. Bis jetzt hat Menschheit es immer so gemacht, das ist wohl wahr, vll. kann sie auch nicht anders, das wäre schade m.E.. U.a.v.m. pendelt Menschheit deswegen stets im Wandel der Kräfte, im Wandel des Kräftemessens, so entsteht ursprünglich der Konkurrenzgedanke. Mal hat die eine Seite die Oberhand, hin und wieder die andere. Doch alle arteten bis jetzt aus.

    Deswegen gehe ich mit Dir (und eb natürlich) völlig à jour, es braucht einen vernunftgeleiteten Wandel, der uns aus dem zu einem festen Kreis geformten «Egotunnel» herausführt.

    Ebenda! Ein vernunftgeleiteter Wandel kann nur durch die Vernunft eingeleitet werden. Sehe also nicht Dein Utopia selbst als Unmöglichkeit, sondern den Weg dorthin.

    Es sei denn, es ist uns egal, dass es auch diesmal nicht so lange halten wird. Kann gut sein, war bis jetzt so. Derart weit schaut Mensch in der Regel nicht (höchsten mit seinen nichtsnutzigen Wirtschaftsprognosen). Vll. eine Generation (die eigene) weit, dahinter steigen die meisten schon aus. Doch es bleiben noch genug, die auf die nachfolgende schauen. Danach wird es jedoch ziemlich einsam ...

    Lieben Gruß
    Rosi

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  4. Meine Antwort: Seltersschorle

    Es ist merkwürdig, dass selbst bei den Kritikern der derzeitigen Zustände ebenfalls ein Schwarzweiß-Schema vorherrscht. Echt gesagt, das verstehe ich nicht.

    Meine Prognose ist, dass sich gewisse Konzerne, Institutionen und Regierungen weiter radikalisieren werden, dass zugleich [sic!] sich neue, dezentrale Strukturen herausbilden werden. Beides wirde erst einmal parallel nebeneinander existieren (das geschieht bereits jetzt). Bis die veralteten Strukturen an Kraft und Einfluss verlieren, wird noch viel Wasser den Rhein runter fließen.

    An eine Revolution glaube ich nicht mehr und das ist auch gut so! Ein evolutionärer Wandel ist die weitaus bessere Vorgehensweise!

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