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Donnerstag, 12. Dezember 2013

Ein nervendes, rosa Tutu

Abteilung: Alles so schön rosa hier!



Werbung soll Emotionen wecken. Und ich gebe auch zu, dass bei mir das anfänglich verfangen hat. Ich fand den Spirit des Spots anfänglich sympathisch. War einfach ein Gefühl, das nicht kritisch hinterfragt wurde.

Werbung wirkt ja bei jedem, außer bei einem selbst, weil man selbst ja viel zu schlau ist, um sich, auch von gut gemachten Spots, manipulieren zu lassen.

Mittlerweile bin ich dermaßen genervt von diesem Spot! Keine Werbepause scheint ohne diesen auszukommen. Ein medialer Presslufthammerangriff auf mein Gehirn, bzw. meine Gefühle. Selbst unter der Annahme, dass es (zumindest kurzzeitig) inspirierend, gar progressiv, sein könnte, einen dickbäuchigen Mann im rosa Tutu zu sehen, so reichen meine bislang erworbenen visuellen Eindrücke diesbezüglich, mittlerweile für gefühlte ca. 396 Existenzen.

Zum Inhalt dieses Spots:
Plot: Liebender Mann erfährt von nicht näher erläuterter Diagnose seiner Frau und kompensiert das, indem er sich in verschiedenen Posen, lediglich bekleidet mit einem rosa Tutu, photographieren lässt.
Stellt dies in's Netz (dank der Möglichkeiten, die Telekom gewährleistet).
Alle finden das cool, eine riesige Solidarisierungswelle entsteht daraus.
So weit, so gut, so Telekom.
  • Wenn man ein gefühlloses Arschloch wäre, könnte man sich fragen, ob diese, durch die Telekom möglich gemachte, Solidarität, die Genesungschancen seiner Frau verbesserte. 
  • Wenn man ein gefühlloses Arschloch wäre, dann könnte man sich fragen, ob eine Solidaritätswelle vielmehr eine Verbesserung des Gesundheitssystems (und damit die Heilungschancen) bewirken würde. Reicht es, Telekom-Kunde zu sein - oder sollte man sich doch besser mal informieren, wofür die Partei eintritt, die man alle vier Jahre wählen darf?
  • Wenn man ein gefühlloses Arschloch wäre, könnte man auch mal hinterfragen, ob dieses Szenario am Reißbrett entworfen wurde, um auch bei denen Gefühle zu entwickeln, die sich selbst abseits vom Mainstream sehen. (Update: Rolle rückwärts: Dies Szenario ist wohl authentisch. Seine Frau hat Brustkrebs. Diese Erkenntnis aber, schockiert mich mehr, als sie mich befriedigt.)
  • Wenn man ein gefühlloses Arschloch wäre, dann käme man wohl zu dem Schluss, dass versucht wird, mit unseren humanistischen, solidarischen Gefühlen schlichtweg Kohle und Rendite zu machen.
  • Wenn man ein gefühlloses Arschloch wäre, dann würde man sich wohl nicht heimlich die Rührtränen aus den Augenwinkel wischen, sondern sich fragen, ob der Spot humanistische oder profitable Intensionen hat.
Letztendlich muss man sich (als gefühlloses Arschloch) doch die Frage stellen, ob das okay geht, zumindest mal zu versuchen, humanistische Werte über dem Umweg des Unterbewusstseins, für Gewinnsteigerungsraten zu korrumpieren.

Ich, als gefühlloses Arschloch, finde mitfühlende Ehepartner im rosa Tutu total scheiße (soweit dies inszeniert ist). Und ich finde die Telekom scheiße, dass sie mit dem Leid von Ehepartnern (mit entsprechender Diagnose des Partners/Partnerin) wirbt.

Auf dem ersten Blick mag dieser Spot humanistisch und progressiv sein.
Letztendlich ist er im hohen Maße menschenverachtend!

Dieser Spot ist nur ein Beispiel unter vielen, dafür, dass Werbung nicht mit Argumenten überzeugen will, sondern mit Gefühlen und Sehnsüchten (und zwar möglichst un[ter]bewusst).

Dies wird weitgehend toleriert ('that's capitalism, stupid!').

Ich nehme das zur Kenntnis, nachvollziehen kann ich es nicht.

Euer gefühlloses Arschloch mit rosa Tutu-Allergie
Duderich

Weiterführendes: Werbung wirkt immer weniger

Kommentare:

  1. In der Tat, ein merkwürdiger Werbespot (den ich, da ich kein Fernsehen habe, bislang nicht kannte). Vielleicht steckt magisches Denken dahinter? So wie wir als Kinder auf eine gute Zensur in der Mathearbeit hofften, falls wir den Schulweg schaffen könnten, ohne auf eine Ritze zwischen zwei Pflastersteinen zu treten? Vielleicht bringt der ältere Herr im rosa Tutu auf ähnliche Weise ein Opfer (an Würde) für seinen Gott, um seine Gattin zu retten?
    Und ja, dass Werbung lieber an Gefühle (oder, wie man früher gern sagte: ans Unterbewusste des Verbrauchers) appelliert statt an seinen Verstand (den Werbefritzen wahrscheinlich a priori unterschätzen oder missachten), weiß man ja dank Vance Packard spätestens seit den 1950er Jahren. Ob Werbung überhaupt was bringt, außer bestenfalls den Bekanntheitsgrad der beworbenen Firma oder Marke zu erhöhen, kann ja bis heute niemand sagen. Es gibt eben keine Kontrollgruppe, anhand derer man überprüfen könnte, ob unter den NICHT mit Werbung berieselten Zuschauern sich mehr oder weniger Leute für die Telekom entscheiden als unter den eifrigen Reklamekonsumenten.
    Insofern werden alle Spots in erster Linie für die Verwalter dicker Werbebudgets gedreht, keineswegs jedoch für die potentiellen Kunden... Ich selbst zum Beispiel bin zwar Telekom-Kundin, aber nicht, weil mich solche oder ähnliche Werbung überzeugt hätte, sondern weil ich noch schlechtere Erfahrungen mit deren Mitbewerbern gemacht hatte.
    LG, Saby

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    1. Hallo Saby!
      "Ob Werbung überhaupt was bringt, außer bestenfalls den Bekanntheitsgrad der beworbenen Firma oder Marke zu erhöhen, kann ja bis heute niemand sagen."

      Hierzu ein Text, den ich seit gestern im Netz gesucht habe - und eben gerade gefunden. Lesenswert.
      http://www.kritisches-netzwerk.de/content/werbung-wirkt-immer-weniger

      Grüße, Duderich

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  2. Also ich weiß manchmal echt nicht, was du hast. Ich hab schon unzählige Kinder in Afrika und auf Krebsstationen gerettet, weil ich deren Foto auf Facebook geliked habe. Ich klopfe mir jeden Abend kräftig auf die Schulter und feiere meine Philanthropie. Kann natürlich nicht jeder so engagiert gegen das Elend in der Welt kämpfen wie ich.

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    1. Jetzt musst Du nur noch Telekom-Kunde werden. :-)

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  3. Schöner Artikel. Probleme zu verbreiten ist heute wichtiger als sie zu lösen. Wenn meine Partnerin krank wäre, dann würde ich bei ihr sein und ihr Trost spenden und nicht auf die Straße gehen und komische Fotos von mir machen. Am Ende lächeln alle wie in einem schlechten amerikanischen Film und obwohl die Frau stirbt sind alle glücklich, da sie ihre Fotos und ihr Leid teilen konnten.

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  4. Sehr schön auf den Punkt gebracht. Mir ist damals diese Paul-Potts-Kampagne schon gewaltig auf den Docht gegangen. Traf so richtig den Nerv der Generation Casting. Wenn man da wagte zu sagen, der Typ sei zwar kein schlechter, aber insgesamt bestenfalls ein mittelmäßiger Sänger und es gäbe Musikstudenten, die das besser könnten, dann war man sofort das arrogante Arschloch.
    Was ich bei der momentanen Tütü-Geschichte so perfid finde, ist diese moralische Erpressung, die dahinter steckt. Indem die Telekommies sich an diese eigentlich sehr anrührende Geschichte hängen, setzen sie einem genau dem Zwiespalt aus, den Duderich beschreibt: Wer davon nicht gerührt ist, setzt sich dem Verdacht aus, ein gefühlloser Steinklotz zu sein.

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