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Freitag, 25. Juli 2014

Das 'Schutzinteresse der Bevölkerung'

Abteilung: Eine Politik, die nüchtern nicht zu ertragen ist

Es ging durch sämtliche Medien: Das Verwaltungsgericht Köln hat den Selbstanbau von Cannabis für chronische Patienten unter folgenden Auflagen erlaubt:
  • alle anderen Therapien müssen zuvor erfolglos verlaufen sein
  • die Wohnsituation soll den Zugang Dritter zu den Cannabis-Pflanzen verhindern
  • Sicherheitsauflagen müssen erfüllt sein (Einbruchsicherung)
Diese Bedingungen erfüllten drei von fünf Patienten, die geklagt haben. 
Interessant ist hier die Tatsache, dass dieses verbotene und verteufelte Kraut tatsächlich für manche wohl die einzige wirksame Therapie für unterschiedliche Krankheitsbilder darstellt.
Die Leber muss aber tatsächlich zuvor durch >legale< Pharmaka malträtiert werden, bevor Vernunft vernünftig wird, und zu 'Recht' gerinnt. Meiner Interpretation dieses Urteils nach, müsste ein Patient weiterhin Pharmaprodukte konsumieren, die teurer wären und mehr Nebenwirkungen und Gegenanzeigen aufweisen, wenn diese ihm AUCH helfen würden. Weitergedacht ist man als Patient also gezwungen chemische Nachahmungen natürlicher Wirkstoffe einzunehmen, wenn diese AUCH helfen.
Eine Logik, die sich mir nicht erschließen mag.

Helfen kann hier unser Gesundheitsministerium:
Das Interesse des Patienten "an einer Versorgung und Behandlung mit selbst angebautem Cannabis in seiner Privatwohnung" müsse zurückstehen gegenüber "dem Schutzinteresse der Bevölkerung." Quelle: SPIEGEL

Wer aber definiert dieses 'Schutzinteresse'? Die Bevölkerung selbst, oder Jene, die sich anmaßen unsere (Schutz-)Interessen zu definieren? Jene, die ungeachtet der Mortalitätsrate, Alkohol und Zigaretten erlauben und dabei kräftig mitverdienen? Jene, die es tolerieren, dass ihre Bevölkerung verdachtsfrei und massenhaft ausgespäht wird?
In wie fern gilt hier das "Schutzinteresse der Bevölkerung"?
Was wird hier getan, um dieses 'Schutzinteresse' zu gewährleisten?

Dieses Schutzinteresse anzuführen ist meiner Meinung nach mehr als heuchlerisch! 'Schutz' da, wo legislativ gegängelt und erzogen wird, aber nicht da, wo Freiheitsrechte (wie das informationelle Selbstbestimmungsrecht) ad absurdum geführt werden.

Der Staat maßt sich an, mir die Entscheidung, ob ich mich besaufen oder bekiffen will, abzunehmen. Ungeachtet der Tatsache, das Alkohol weitaus suchtgefährdender und schädlicher ist als Cannabis. Und das wird dann (ich wiederhole mich) mit dem 'Schutzbedürfnis der Bevölkerung' begründet!

  • Das alles in dem Wissen, dass Prohibition immer kontraproduktiv in der Bekämpfung von Drogen war.
  • Das alles in dem Wissen, das Prohibition den Nährboden für kriminelle Strukturen bildet.
  • Das alles in dem Wissen, dass die Legalisierung den Konsum von Drogen nie signifikant hat ansteigen lassen.

Das Argument, von Cannabis als Einstiegsdroge ist ebenfalls absurd: Gerade durch die Kriminalisierung von C. werden Konsumenten an jene herangeführt, die evtl. noch andere, gefährlichere Drogen im Angebot haben. Ein kontrollierter Zugang mit Altersbeschränkung in Drogerien oder zertifizierten Abgabestellen würde dies verhindern. Ebenso wie die (sehr gesundheitsschädliche) Zugabe von Blei, um das Gewicht und somit den Verkaufspreis zu erhöhen.

Ich bin nicht für die Legalisierung aller Drogen. Mich ärgert aber diese antiquierte Drogenpolitik, die ungeachtet von Erfahrungen, Studien und gesundem Menschenverstand, erkenntnisresistent weiche Drogen und harte Drogen in einen Topf wirft, schön umrührt und diesen Brei als Drogenpolitik verkauft.

Was mich aber am meisten ärgert, dass mir das auch noch so verkauft werden soll, dass dies in meinem Interesse geschieht!?

Funktioniert so parlamentarische Demokratie?

Und wo bleibt die 'Vierte Gewalt'?

Wo findet ein offener Austausch von Argumenten diesbezüglich statt?
Bei der sich unsere Drogenbeauftragte mal gegen fundierte Argumente wehren müsste?
Findet dieser nicht statt, weil dies zu wenig oder zu viel von gesellschaftlicher Relevanz ist?
Wofür bezahle ich eigentlich GEZ-Gebühren?


Es gibt also nichts zu feiern, an diesem Urteil.
Dass dieses überhaupt solch eine Sensation war, spricht seine eigene Sprache...

Abschließend noch etwas zum Schmunzeln

Kommentare:

  1. Hallo Dude,

    im Gegensatz zu dir bin ich für die Freigabe von Drogen aus den unterschiedlichsten Gründen.

    1. Bin ich generell gegen staatliche Verbote. Jeder Mensch sollte selbst entscheiden, ob er dieses Zeug zu sich nehmen will.
    2. Verbote reizen nur, vor allem Jugendliche. Verbiete ihnen Gemüse zu essen, und sie werden sich daran ergötzen.
    3. Es gäbe keine Beschaffungskriminalität mehr.
    4. Die Drogenmafia könnte einpacken.

    Als ich von dem Gerichtsurteil gehört habe, dachte ich auch, die spinnen und wir haben schon wieder 1. April.
    Selbst wenn sie die Drogen nicht legalisieren wollen, hätte es gereicht, dass die Patienten diese Art der Medizin vom Arzt verschrieben bekommen und von den Krankenkassen bezahlt werden. Aber das wäre ja zu einfach.

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  2. Stimme zu.Dasd Argument"Schutzinteresse der Bevölkerung "ist in der Tat hirnerschütternd,ebenso das Argument "Einstiegsdroge",das freilich auch noch nie nachgewiesen wurde,zumal Alkohol und Zigaretten die Funktion einer Einstiegsdroge ebenso erfüllen,womit man also auch die konsequenter Weise verbieten müsste,aber da gehen dem Staat ja Steuern durch die Lappen.Es ist selbstverständlich etwas anderes ,das man Minderjährige erziehen sollte ,das Zeug nicht anzurühren(ebenso Alkohol und Nikotin).Übrigens zum Schutzinteresse:Ich habe noch nie geraucht ,geschweige denn gekifft, ganz einfach ,weil ich nicht will.Ja,es soll Menschen geben ,die das selbstständig entscheiden können,dafür braucht es nun wirklich nicht den Schutz des Staates .Interessant ,übrigens,das diese "Lebensschützer" in der Politik ,die das Verbot befürworten, natürlich jedem Angriffskrieg gern zustimmen,ebenso auch kein Problem damit haben,das Flüchtlinge im Mittelmeer ersaufen,weil wir sie hier nicht haben wollen,und Hartz IV-Empfänger vollsanktioniert verhungern.famose "Lebensschützer" sind das.

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  3. Hallo Duderich!

    Mit der Schmerztherapie kenne ich mich nicht so gut aus. Mir ist allerdings bekannt, dass viele Menschen, die unter unerträglichen Schmerzen leiden oft Morphin verschrieben bekommen.

    So unter anderem Menschen, die an der Wirbelsäule operiert wurden oder auch mein Vater, dem ein Bein amputiert wurde. Und Morphin soll hochgradig süchtig machen.

    Ein leichtes wäre es, auch Cannabis über den Arzt zu verschreiben und die Kosten durch die Krankenkassen ersetzen zu lassen, wenn man sich schon so viele Sorgen um das Schutzbedürfnis der Bevölkerung macht (sh. Ruby).

    Chemische Substanzen haben natürlich ihre Tücken, wovon ich selbst ein unendliches Lied singen kann, die unerwünschten Nebenwirkungen. Einige meiner Medikamente fallen auch unter das Drogengesetz (Entwässerungstabletten).

    Die spülen mir z.B. sämtliche Mineralien aus dem Körper und so bin ich ständig in der Situation für den Nutzen auch den Schaden in Kauf zu nehmen und den Schaden durch andere Mittel auszugleichen ( auf eigene Kosten natürlich). Ein fast täglicher Kampf, den ich nicht gewinnen kann.

    Alternativen sind rar und und wenn sich welche auftun, werden diese auf bürokratischem Wege abgewürgt.

    Das Schutzbedürfnis der Bevölkerung lässt sich immer dann gut in die Waagschale werfen, wenn der Bürger anfängt eigenständig über Alternativen nachzudenken, die aber so gar nicht in das Konzept der Pharmalobby hineinpassen.

    Zu den Widersprüchen der Politik hat der Doctor in seinem letzten Satz wohl alles gesagt. Lebensschutz! Klingt auch so hübsch esoterisch.

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