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Dienstag, 31. März 2015

Schuld, bei Vermutung

Abteilung: Die mediale Personifizierung einer nicht bewiesenen Sachlage
"Nach Angaben der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft war Lubitz bereits vor Jahren in psychotherapeutischer Behandlung, noch ehe er seine Fluglizenz erhielt. Damals wurde auch eine Selbstmordgefährdung festgestellt." (SPON)
Passt wieder mal schön ins BILD. Noch gibt es keine Quellen, keinen Namen, auf den diese Aussage zurückzuführen ist. Möglicherweise mag diese Aussage jemand getroffen haben (der auch namentlich dazu steht und diese auch belegen kann), und auch das würde mich nicht überraschen.
Mehr überrascht, wäre ich aber, wenn dies tatsächlich geschehen möge, anstatt in der Kakophonie der täglichen Berichterstattung unter zu gehen.

Wenn überhaupt, mag das ein Indiz für die vermutete Tat sein, aber kein Beweis.
Nicht jeder, der Suizid als Lösung für seine Probleme in Erwägung zieht, ist willens, Unschuldige in seinen Freitod reinzureissen.
Der in der Presse kommunizierte Verdict gründet lediglich auf der Interpretation der französischen Staatsanwaltschaft des Voice-Recorders.

Niemand konnte bislang plausibel erklären, warum Jemand, der so narzistisch gestört ist, um seinen Selbstmord durch das Leben unschuldiger Anderer überhöhen zu müssen, acht Minuten lang schweigt.

Ich bin kein Psychologe, aber ich denke, dass ein narzistisch Gestörter sein Handeln (auch posthum) als 'richtig' interpretiert wissen will.
Schweigt ein narzistisch Gestörter acht Minuten lang; ignoriert schweigsam die Interventionen des Piloten und der Flugsicherung?
Kein Statement zur Partnerin oder anderen Hinterbliebenen, wie z.B. den Eltern, im Angesicht des nahenden, selbst herbeigeführten Todes?
Kein Abschiedsbrief?

Wie passt das ins Bild?

Welche sogenannten Experten, die eine narzistische Störung als Beweggrund vermuteten, setzten sich mit dieser Diskrepanz auseinander?
Exemplarisch hier: Isabella Heuser (ab ca. 28. Minute) in einer sehenswerten Phönix-Runde.


Ich meine nicht, dass der Co-Pilot als unschuldig betrachtet werden soll.
Ebenso wenig aber, meine ich das Gegenteil, bis seine Schuld wirklich bewiesen ist. Dies ist, meiner unrelevanten Meinung nach, bislang noch nicht geschehen.

Die 'Qualitätsmedien' relativieren nicht, sondern folgen der vorgegebenen Meinung. Eine Unschuldsvermutung (bis das Gegenteil schlüssig bewiesen ist) auf die unser Rechtsstaat aufbaut, ist offenbar obsolet.
Als Medienkonsumenten sollten wir uns fragen, ob wir diese Sprechweise akzeptieren:
Wer mag dieser Vorgehensweise (auch noch) zustimmen, wenn er selbst betroffen ist?

Man möge sich fragen, bei welchem Piloten (die ja auch nur fehlbare Menschen sind) nicht etwas zu finden wäre.
Je forcierter man sucht, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass man etwas findet, was die eigene Theorie untermauert.

Wie die Medien mit diesem Vorfall umgehen, enttäuscht, bestätigt aber das Bild, welches ich von jenen habe.
Besonders, wenn man so was liest.


Nicht dass ich falsch verstanden werde:
Ein 'erweiterter Suizid' klingt auch für mich am wahrscheinlichsten.

Aber, WISSEN (und damit 'schuldig sprechen') ist etwas vollkommen anderes...!


Nachtrag (Meta-Ebene):
Abschließend sollten wir uns selbstkritisch (hinter-)fragen, ob wir nicht genau das bekommen, was wir wollen:
Einen Schuldigen, dem wir das Unfassbare anlasten können.

Vergessen (oder besser: übergangen) wird dabei die Frage, wie aus unserer Gesellschaft solche Menschen entstehen können.
Was wäre beruflich und gesellschaftlich mit ihm geschehen, wenn er bspw. Depressionen geäußert hätte?

Hätte sich ein beliebter deutscher Fußballtorwart in einem Umfeld umgebracht, in dem er auf Verständnis hoffen könnte?

Bequemer ist es allemal, solche Symtome als pathologisch abzutun.
Die 'Krankheit', die wir Jenen andichten, unbegreifliches zu tun, entsteht nun mal innerhalb eines sozialisierenden Wertegefüges.
Innerhalb dieses Gefüges, fällt man um so tiefer, um so höher man steht.
Die Angst zu versagen oder (in vielfältiger Interpretation) zu fallen, braucht gesellschaftliche Hintergründe.
Wir selbst sind ein Teil dieser >Krankheit<!


Ja, ich weiß, dass manche diese Zeilen gerne so interpretieren möchten, ich wolle unmenschliches Wesen und Handeln relativieren.
Nein, dass möchte ich ausdrücklich nicht:
Weder, bei dem Co-Piloten, sollte er denn das Flugzeug bei klarem Bewußtsein auf den Berg gelenkt haben,
noch, bspw. bei der täglich praktizierten Folter in Guantanamo.

Denn, trotz gelebter Unschuldsvermutung, habe ich leider den Verdacht, dass Trauer und Empörung davon abhängig sind, in welcher Nähe sie entstehen.
Was, wenn der Pilot Afrikaner gewesen wäre? Den Flieger in den Kilimandscharo gelenkt hätte? Keine Europäer an Bord.
Wäre unser (und damit auch das mediale) Interesse dann auch so groß?


Alle Kritik, die wir äußern, findet in einem Wertekontext statt, der diesen letztendlich legitimiert.
Wir prangern nicht das System an, welche eine Symptomatik hervorruft, sondern deren Opfer.

Opfer, die selbstverständlich auch Täter sind (im aktuellen Fall: mutmaßliche Täter).

Und, ja (Shitstorm sei willkommen!) auch Hitler hätte sich vermutlich nicht zu einem dermaßenen Psychophaten entwickelt, wenn er nicht auf ein Volk getroffen wäre, welche seine kranken Phantasien unterstützen.
Bei 'Hitlers Helfer' taucht bezeichnenderweise das deutsche Volk nie auf.

Abschließend sei angemerkt, dass es immer leicht ist, einen Schuldigen für das Unfassbare zu finden.
Vergessen sollten wir dabei aber nicht, dass wir Teil des Umfeldes sind, in dem dieses >Unfassbare< geschieht.

Nachdenkliche Grüße
Dude

UPDATE:
Lesenswert hierzu ein Text bei Carta von Richard Meng.

Kommentare:

  1. Das alles stinkt wieder mal zum Himmel.
    Anscheinend war Herr L aktuell nicht wegen Suizidgefahr in Behandlung. Der größte Teil der Bevölkerung denkt irgendwann im Leben (vor alem in Jungen Jahren) einmal an Selbstmord. Eine Selbstgefährdung (oder womöglich sogar Fremdgefährdung hätte der behandelnde Arzt oder Therapeut auch melden müssen und ihn ggf wegen Eigengefährdung einweisen müssen).
    Ausserdem sind erweiterte Suizide äusserst selten und betreffen dann den engsten Kreis des Suizidalen (Kinder, Ehepartner etc.) Dies war definitiv KEIN erweiterter Suizid!
    Amokläufe kennt man meist von sehr Jungen Männern oder Jugendlichen und meist in Verbindung mit Medikamenteneinfluss.
    Irgendwo konnte ich lesen das daher ein Hirnschlag, ein Hirntumor oder ähnliche körperliche Beeinträchtigungen am wahrscheinlichsten sind...sollte es so gelaufen sein wie die Staatsanwaltschaft vermutet.

    Der eigentliche Skandal (so man unbedingt einen finden will) ist jedoch dass es vor lauter Terrorwahn tatsächlich möglich ist, dass der Pilot von seinem Arbeitsplatz ausgesperrt werden kann.

    Vielleicht sollte man aber einfach das Gesetz änder:
    ein Verdächtiger ist Schuldig, wenn die Medien seine Schuld vermuten. Etwaige anders lautenden späteren Gerichtsentscheidungen ändern daran nichts. Amen!

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    1. Lobenswerterweise von den Nachdenkseiten recherchiert, folgende lesenswerte Beiträge zu dem Thema:

      http://www.fr-online.de/leitartikel/absturz-germanwings-4u9525-medien-als-voyeure,29607566,30236278.html

      http://derstandard.at/2000013573979/Wenn-Erklaerungen-fehlen

      http://www.dwdl.de/hoffzumsonntag/50332/der_journalismus_existiert_nicht_mehr/

      http://www.maz-online.de/Nachrichten/Kultur/Germanwings-Ungluecksflug-4U9525-Tage-des-Konjunktivs-Die-Medien-und-der-Absturz

      Und:
      http://www.rp-online.de/panorama/andreas-l-eine-verwechslung-und-ihre-enstehung-aid-1.4975600

      Die Medien als 'Vierte Gewalt'.
      Als müsste man vor den erstem drei Gewalten nicht schon genügend berechtigte Angst haben...

      Grüße,
      Dude

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  2. Ja, wenn's ums Witwenschütteln geht sind sie ganz groß, unsere Medien, aber eine vernünftige Berichterstattung zu politischen Themen bekommen sie nicht geregelt.
    Was ich in dem Zusammenhang mit Genugtuung gesehen habe war der Kommentarbereich der Daily Mail. Unter einem Artikel über die neusten "Erkenntnisse" zum Absturz waren fast ausnahmslos alle Kommentare Beschwerden über die Art und Menge der Berichterstattung. Unter den ersten 30 oder so comments war genau einer, der sich auf den Artikel bezog, alles andere war nur Gemecker. :-)

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    1. Schön zu hören!
      In den hiesigen Kommentarbereichen von SPON & Co. sieht das, meiner Wahrnehmung nach, anders aus.

      Grüße,
      Dude

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  3. Es gibt noch die Möglichkeit der Unzurechnungsfähigkeit aufgrund von Drogen in Form von Psychopharmaka. Sie stehen im Verdacht, Amokläufe zu begünstigen. Ist ein Tabuthema.

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    1. Die möglichen Gründe, warum er in den letzten Minuten bei eingeschränkten oder nicht vorhandenen Bewußtsein, sein könnte sind vielfältig.

      Möglicher Sauerstoffmangel, Kohlenmonoxid-Vergiftung, Herzinfarkt, ...

      Manche klingen albern, könnten sich dennoch im Nachhinein bewahrheiten.

      Man weiß nicht wirklich, was geschehen ist.
      Spekulationen sind nicht zielführend, solange keine neuen Fakten vorliegen.

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    2. Sauerstoffmangel, Kohlenmonoxid, Herzinfarkt waren es alles nicht. Da hat jemand gezielt am Autopilot herumgefuhrwerkt:

      "Der Co-Pilot der Germanwings-Maschine hat bewusst den Sinkflug ausgelöst, das zeigt die Auswertung des zweiten Flugschreibers. Offenbar veränderte Andreas Lubitz den Autopiloten mehrfach, sodass der Airbus beschleunigt wurde."

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