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Donnerstag, 26. März 2015

Verheizung auf beiden Fronten

Abteilung: Die Opfer sind Täter, sind Opfer, sind Täter ...

Ja, ich habe die Wallraff-Sendung auch gesehen. Dort wurde deutlich gemacht, dass nicht nur Leistungsempfänger unter großem Druck stehen, sondern auch die ARGE-Mitarbeiter.

Es mag nicht überraschen, dass von deren Vorgesetzten eine gewisse Sanktionsquote erwartet wird. Leistungssperrungen sparen Geld - und egal ob sie gerechtfertigt sind, oder nicht - sie treffen ja schließlich eh die Richtigen: Die Sozialschmarotzer, die auf unsere Kosten leben.
Die sind nämlich Schuld, dass man sich den Arsch abarbeitet, und man sich trotzdem keinen Urlaub leisten kann.
Die, und die faulen Griechen, die in der sozialen Hängematte dahinschlenzen, finanziert durch unsere Hände Arbeit.

Ich will ja auch gar nicht leugnen, dass auch die Jobcenter-Mitarbeiter arme Säue sind - sofern sie denn noch ein Gewissen besitzen.

Mich würde es auch fertig machen, müsste ich Sperrungen an Bedürftigen verhängen, für Gründe, die vorgeschoben sind.

Mich würde es auch fertig machen, wenn ich (unter anderem) daran gemessen würde, ob ich auch genug Leistungen Bedürftigen vorenthalte.

Mich würde es aus auch fertig machen, wenn ich aus Überlastungsgründen Anträge dem Shredder übergeben muss.

Aber, wer mag überrascht sein, über das eigene Tun im Jobcenter, der die durch die SPD verabschiedete Agenda 2010 kennt?

Mir persönlich drängt sich der Vergleich auf, dass man sich als Soldat beschwert, dass man auf politische Feinde schießen muss. Sogar, und tatsächlich, ohne Gerichtsverfahren!
Ein Skandal!

Wie naiv und uninformiert muss man denn sein, um diesen Job anzunehmen und sich dann darüber zu entrüsten, ungerechte Handlungen vornehmen zu müssen?

Keine Frage: Auch die Jobcenter-Mitarbeiter sind arme Säue. Je mehr Gewissen sie sich erhalten haben mögen, um so mehr werden sie leiden.

Auch sie gehören zu den Opfern, auch sie sind nur Sklaven, die die Reichtumsverteilung von Unten nach Oben organisieren.
Geschenkt.

Sich aber dann zu beklagen, dass das irgendwie nicht gerecht zu geht und man irgendwie ein Problem damit hat..?
Ist für mich genau so blöd und unbedarft wie die Aussage:
"Warum muss ich als Soldat auf jemanden schießen, denn ich gar nicht kenne, und dessen Schuld gerichtlich gar nicht bewiesen ist?"

Für mich ist die Kritik an die Arbeitsverhältnisse, die in diesem SPON-Artikel beschrieben werden, einfach nur naiv.

Wer in der Lage ist Gesetzestexte zu lesen - und bereit ist, das auch zu tun (zumal man diese auch umsetzen soll), der kann nicht überrascht sein, Bedürftige als Schuldige des systemimmanenten Problems bekämpfen zu sollen.

Mann, heul doch, Du armer Jobcenter-Mitarbeiter!

Oder besser:
Such Dir nen Job, den Du mit Deinem Gewissen vereinbaren kannst!
Und wenn Du den nicht findest:
Dann bist Du genau so ein Opfer, den Du gerade glaubst, aus Zwängen verfolgungsbetreuen zu müssen.

Wenn das auch nicht geht - stell vielleicht mal das System in Frage, dessen Du dienst!

Aber, was gar nicht geht:
Wähle weiterhin die SPD und beklag Dich!

Heul doch, über Dein eigenes Schicksal, während Du Dein Geld damit verdienst, Leidensgenossen verfolgen zu müssen!

Kommentare:

  1. Über diese unsägliche Wallraff-Sendung habe ich mich ja auch ausgelassen. Zu den TäterInnen in den "Jobcentern" kann ich nur feststellen, dass die Argumentation, sie "könnten ja nicht anders handeln", der üblichen und nach meinem Empfinden überaus widerwärtigen "Eichmann-Strategie" folgt, die gerade in Deutschland, aber keineswegs ausschließlich hier, eine lange und böse Tradition besitzt.

    In diesem Zusammenhang taucht in Diskussionen auch gerne die Feststellung auf, dass es in Deutschland ja längst keine "freie Berufswahl" mehr gebe. Wer so argumentiert, hat zwar durchaus recht, übersieht aber, dass es dennoch stets eine persönliche Entscheidung bleibt, welche Tätigkeit man mit der eigenen Moral und Ethik noch in Einklang bringen kann und welche eben nicht.

    Für mich persönlich gibt es eine ganze Reihe von Prostitutionsjobs, die ich niemals ausüben könnte. Dazu gehört beispielsweise die Arbeit in einem Bordell, bei der Bundesangriffsarmee, in einem Rüstungskonzern, in einer Bank oder meinetwegen auch in der Parteizentrale der CDU, SPD, FDP oder Grünen (die komplette Liste ist zu umfangreich, um sie zu posten).

    Wer sich, aus welchen Gründen auch immer, dafür entscheidet, eine bestimmte Tätigkeit auszuüben, hat auch eine Mitverantwortung für sein Tun zu übernehmen und kann sie nicht auf die "Obrigkeit", die "Vorgesetzten" oder gar irgendwelche "Dienstvorschriften" übertragen.

    Liebe Grüße!

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    1. Damit ließe sich natürlich auch der Angriff auf Polizisten rechtfertigen. Wer sich freiwillig in den Dienst einer kapital-faschistischen Politkaste begibt, gibt sich selbst zum Abschuss frei. Ich habe nach den Blockupy-Ausschreitungen viele Kommentare gelesen, die es absolut verurteilten, dass Polizisten angegriffen wurden. Die würden ja nur ihre Arbeit machen. Joah, die Gestapo hat auch nur ihre Arbeit gemacht. Die Armen. Hatten bestimmt auch viel Druck und abends hat zu Hause noch das Weib genervt.

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  2. "Wie naiv und uninformiert muss man denn sein, um diesen Job anzunehmen und sich dann darüber zu entrüsten, ungerechte Handlungen vornehmen zu müssen?"

    Haben sie die freie Wahl. Sie sind auch innerhalb des Systems. Sie sind froh eine Arbeit zu haben, hofften vielleicht etwas ändern zu können. Das ist das Perfide an dem System. Du hast als Mitarbeiter in einem Jobcenter die Wahl auf welcher Seite du stehen möchtest. Von Kampf ist schnell geredet. Ich habe das Gefühl, dass Menschen nicht gerne kämpfen. Sie wollen im wesentlichen ihre Ruhe. Schließlich müssen sie Rechnungen bezahlen und ihre Familie durchbringen.

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    1. Dazu kommt ja auch, dass viele, wenn erst mal die Desillusionierung eingetreten und jeglicher Idealismus gestorben ist, keine Wahl mehr haben. Die haben ihre Ausbildung als "Arbeitsmarktmanager" gemacht, wahrscheinlich sogar bei der Agentur selbst. Damit findet man keinen anderen Job. Nicht mal Zeitarbeitsfirmen rekrutieren ihr Personal unter solchen Leuten, die nehmen eher kaufmännisch Ausgebildete. Also ist man, ein mal bei der Agentur gelandet, auch ziemlich dort gestrandet.

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  3. Inge Hannemann ist ein Vorbild, aber auch ein gutes Beispiel dafür, was denjenigen passiert, die sich nicht fügen.

    Hannah Arendt erzählte diese Anekdote, ob sie sich die ausgedacht hat oder nicht weiß ich nicht: zwei Ex-Genossen trafen sich wohl 1935 im KZ, der eine entließ als Wärter den anderen und der Wärter sagte dem (Ex-) Gefangenen leise: Das mußt Du verstehn, ich war fünf Jahre lang arbeitslos ...

    Wer wissen will, wie Mitarbeiter der Jobcenter ticken, sollte einen Blick in die Ausbildung (Zurichtung) an den Verwaltungsschulen für den öffentliche Dienst werfen.

    Anmerkung: Schade, dass die Tatsache der Kooperation zwischen Wallraff und dem Verblödungs-, Arsch- und Titten-Sender RTL mit keinem Wort kritisiert wird.

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    1. Falls es nötig sein sollte:
      Wallraff als Linker leistet seinen Ideen ebenso einen Bärendienst, wie der mittlerweile bemitleidenswerte Biermann.

      Inge Hannemann ist auch für mich ein Held.
      Man findet sie in meiner Blogroll unter altonblogt.

      Im übrigen, bringst Du es mit der H.A.-Geschichte auf den Punkt:
      Hauptsache Arbeit, egal warum und wofür.
      Dies ist der momentanene Zeitgeist.
      Denn, wenn man nicht jede Arbeit annimmt, ist man ein Sozialschmarotzer.

      Lausige Zeiten....
      Grüße, Dude

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  4. eigentlich alles gesagt.
    man kann mitmachen oder man kann die existenslosigkeit wählen.
    hab letzteres gemacht, ist auch nicht immer einfach.
    l.g. jens prien

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    1. Respekt für Deine Entscheidung!
      Die Tatsache, dass man seinem Gewissen folgt, gibt Kraft, so hoffe ich.
      Hoffentlich genug Kraft, um die unangenehmen Konsequenzen dieser Entscheidung zu bewältigen.

      Ich denke, Du hast die richtige Entscheidung getroffen, und ich hoffe, Du denkst das auch.

      Grüße,
      Dude

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  5. https://www.youtube.com/watch?v=_R8GtrKtrZ4

    https://www.youtube.com/watch?v=mC_97F2Zn9k

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  6. Perfide ist auch die gängige Praxis zumindest in Berliner Jobcentern, den "Fallmanagern" teilweise nur Jahresverträge zu geben. Wer sich "bewährt" darf weitermachen, wer sich gegen gewisse Praktiken wehrt, wird wieder aussortiert. Dazu kommt dann noch, dass seitens der Vorgesetzten alles getan wird, die Kolleginnen und Kollegen gegeneinander auszuspielen, so dass gar nicht erst sowas wie Solidarität aufkommen kann. Erst recht natürlich nicht mit den "Kunden", was man durch ständige Rotation gewähleistet. War man mal längere Zeit in den Fängen eines Jobcenters, ist einem überspitzt gesagt die halbe Belegschaft bekannt.
    Sicher stimmt es, wer dort mitmacht, verdient im Grunde genommen keinerlei Mitleid. Ist es nicht aber so, dass letztendlich jeder, egal wo er/sie arbeitet, dieses und das ganze System stützt?

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  7. Die Kommentare geben sehr gut wieder, in welchem Dilemma sich derzeit alle Menschen befinden; das lässt sich am Extremfall noch einmal verdeutlichen: Es ist noch viel weniger [bitte selbst ausfüllen] erschossen zu werden als zu erschießen. Wer von denen mit abhängigen Angehörigen kann sicher sagen, dass er die "Existenzlosigkeit" wählen würde, wenn er auch KZ-Aufseher sein könnte und seit Jahren keine andere Arbeit zu bekommen war?

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    1. Ist es also okay, andere aufgrund eigener subjektiver Ängste zu unterdrücken?
      Weil es halt gesetzkonform ist?
      Genau diese Argumentation wurde während der Nürnburger Prozesse gewählt.
      Man hat doch nur Befehle ausgeführt, und war konform mit der nationalsozialistischen Gesetzgebung.
      Wer andere Existenzen zerstört um seine eigene zu erhalten, ist nicht nur ein Arschloch, sondern hat auch aus der deutschen Geschichte nichts gelernt.
      Da sollte man nichts relativieren...

      Grüße
      Dude

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