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Montag, 16. November 2015

Der Solidaritätstaumel

Abteilung: Wir sind gleicher! (George Orwell) 

Ich habe weniger Angst einem terroristischem Attentat zum Opfer zu fallen, als vielmehr Angst vor der politischen Reaktion auf terroristische Anschläge. Das sei mal vorweg geschoben.

Und ja, selbstverständlich trauere auch ich um die unschuldigen Opfer des jüngsten Terroranschlages (ich befürchte, es wird nicht der letzte bleiben). Unfassbares Leid wurde angerichtet, gar keine Frage.

Und es ist auch schön, mit zu bekommen, dass dies eine riesige Solidaritätswelle ausgelöst hat:
Kerzenmeere, tricolor angeleuchtete Wahrzeichnen, Schweigeminuten.

Europa rückt zusammen.

Und genau da liegt das Problem.

Denn dieses Zusammenrücken impliziert leider auch Ausgrenzung. Es beinhaltet ein 'Wir-Gefühl' welches nicht zu empfinden ist, wenn man nicht ein 'Die Anderen'-Gefühl hat.

Aber 'Die Anderen', das ist nicht nur der IS. Das sind Muslime, das sind Andersgläubige.
Das Fremde, Unbekannte, wird immer mehr das Bedrohende, gegen dass es sich zu wehren gilt.

Und das kommt bekannt vor...

In der sogenannten westlichen Wertegemeinschaft wird zusammengerückt, aus sicherlich gut gemeinter Solidarität. Aber, dadurch werden auch mentale Grenzwälle hochgezogen.

Den Westen bedroht keine feindliche Macht, die uns den Gefallen erweist, sich qua Uniform oder territorial als Feind zu präsentieren.

Aber es wird wieder Mal ein Krieg ausgerufen. Als hätte 9/11 und die Reaktion darauf (war against terror) nicht die Erkenntnis beschert, dass militärische Interventionen gegen den 'Feind', den Terrorismus, nicht eindämmt, sondern beflügelt.
Die Wurzel des fanatischen Extremismusses kann nicht weggebombt werden. Man erzeugt nur Märtyrer, deren Lücke x-fach geschlossen wird.
Wir versuchen immer noch (wider besserer Erkenntnis), der Hydra Köpfe abzuschlagen, die doppelt und dreifach nachwachsen.

Die Reaktion auf die Attentate wird sein, dass genau jenes, was uns (noch?) von ideologisch fehlgeleiteten Denkweisen unterscheidet, minimiert wird.
Mehr Überwachung (gut, okay, blöder Witz), weniger persönliche Freiheitsrechte; letztendlich ein Offenbarungseid gegenüber der Aufklärung und zurückliegenden Kriegserfahrungen - und nicht zu vergessen - der Vernunft.

Der 'Krieg' gegen den Terror, gegen den IS, wird niemals erfolgreich sein können, wenn wir dem Terror nicht Vernunft und Humunität entgegen setzen.
Denn, wollen wir dem Terrorismus begegnen, indem wir immer mehr unsere Freiheitsrechte einschränken (lassen)?
Kann dies die Antwort sein?


Taliban, al Qaida, IS.
Selbst wenn der IS irgendwie ausgebombt werden könnte (selbstverständlich ohne Bodentruppen) wächst die nächste Terror-Organisation nach.
An neuen Attentätern wird es keinen Mangel geben, solange Kollateralschäden an unschuldigen Opfern zu beklagen sind - und achselzuckend hingenommen werden (sind ja keine Europäer).

Wäre schön (so mein naiver Wunsch) wenn Solidarität nicht nur in unserer sogenannten 'westlichen Wertegemeinschaft' fußen würde, sondern weltweit.
Und wir aufgeklärten, liberalen, demokratischen und humanistischen Menschen müssten doch langsam mal erkennen, dass jedes(!) Leben kostbar ist.

Auch wenn sie (gefühlt) ganz weit weg sind.

Nein, in dieser globalisierten Welt, kommen die Opfer unseres Wohlstandes zu uns.

Und das ist verdammt gut so!
Mag unbequem sein, aber das ist nur fair und die Konsequenz unseres imperativen Handels.

Terror, Klimawandel, ungerechte Verteilung des Reichtums, ökologischer Raubbau.

Aber nein, wir sind nicht schuld. Wir sind doch lediglich mitlaufende Nutznießer.

Aber betrauen die Toten (in Europa, in Frankreich, in Paris).
Nur nicht ebenso die, die anderswo weitaus zahlreicher und ebenso unrecht ihr Leben verlieren.

Denn es ist nicht weniger schlimm, wenn irgendwo ein Kind verhungert. Wenn Menschen in überfüllten Schleuser-Kähnen ertrinken. Oder unschuldig durch Drohnen gekillt oder in Guantanamo gefoltert werden.
Oder in Saudi-Arabien (zu denen wir Deutschen gute Wirtschaftsbeziehungen pflegen) ausgepeischt und gesteinigt werden.

Wo, bleibt die Solidarität zu den zahllosen anderen Toten und Gefolterteten?
Wo bleibt da der Aufschrei?

Wer trauert und solidarisiert sich hier?

Wer sind wir?

Sind wir ausschließlich Europäer, oder nicht auch Erdenbürger?

Kommentare:

  1. Nach der ersten Betroffenheit bemerkt man wahrlich bald das "Gschmäckle".

    Was soll dieses Rot-Weiss-Blau an allen Fassaden der westlichen Welt?
    Sind wir nun alle Franzosen? Ich liebe Frankreich. Die Lebensart, die Landschaften.

    Aber ich bin schon sehr widerwillig Deutscher. Warum sollte ich nun Franzose sein?

    Wo waren die Farben Afghanistans als das Krankenhaus der Ärzte ohne Grenzen bombardiert wurde? Mit voler Absicht wie sich inzwischen zeigt, weil dort womöglich auch Taliban verarztet wurden. Toll! Das kannten wir bisher von den Schauergeschichten aus dem Dritten Reich. Die US-Regierng faschistisch? Na mindestens faschistoid.

    A Pro Popo :)
    Was wenn irgendwann in Deutschland ein Attentat passiert? (Ist leider sehr wahrscheinlich über die Zeit gerechnet).

    Das Kapitol in Schwarz-Rot-Gold? Sieht hässlich aus. Andererseits, hätte Adolf den Krieg gewonnen (Gott bewahre, so es ihn gibt) dann müsste das Kapitol in Rot mit Hakenkreuz angestrahlt werden. Wäre dann wohl irgendwie... ehrlich?

    Ich merke gerade das alles Nervt und Frustriert. Damit ist das Thema "Paris" für mich beendet. Keine Kommentare mehr. Keine Betroffenheits- und Voyeurismus-Sendungen mehr in der Glotze. (Habe ich ohnehin ganz gut vermieden)

    Einen schönen, terrorfreien Tag!

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  2. "Aber ich bin schon sehr widerwillig Deutscher. Warum sollte ich nun Franzose sein?"

    Weil du Frankreich liebst. Die Lebensart, die Landschaften.

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  3. hi Dude,

    der beitrag bestätigt mir wieder mal, dass ICH keinen eigenen blog brauche. du formulierst exakt die gedanken, die mich seit samstag früh umtreiben. vielen dank dafür!

    lg
    don

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    1. Vielen lieben Dank zurück - für dieses schöne Feedback!

      LG
      Duderich

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  4. Auf den Punkt gebracht! Könnte auch von mir sein ;-)

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  5. Ob der ganze Islam in Sippenhaft genommen wird? Den Eindruck habe ich eher nicht , ich finde , viele Medien machen da gar keinen so schlechten Job , eher wird das islamistische Potenzial noch unterschätzt.

    Aber es gibt wieder so ein Betroffen-sein-müssen , das unausgesprochen Leute unter Verdacht stellt , die nicht sofort in Träenen ausbrechen oder gar auf die Mitschuld des Westens (Saudi-Arabien) verweisen.
    "Wir" , naja , diese Art , einfach mal mit ins Boot gesetzt zu werden , haben wir ja mittlerweilen als medialen Standard , bis hin zum Wetterbericht .

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    1. "... eher wird das islamistische Potenzial noch unterschätzt."

      Ich denke, sie werden nicht unterschätzt in ihrem Gefährdungspotential. Die Fehleinschätzung/Unterschätzung besteht stattdessen darin, zu glauben, dieses Problem lässt sich militärisch lösen.
      Ich bin sogar fest überzeugt, dass militärische Interventionen kontraproduktiv sind. Denn der wirklich Grund der Anschläge, ist, wie ich glaube, eine militärische Intervention in Syrien zu provouzieren. Denn genau das beschert denen (IS) den Zulauf den sie zur Rekrutierung zur Expansion brauchen.

      Ein (klassisch geführter) Krieg - ob mit oder ohne Bodentruppen wird ein neues Vietnam. Mit dem Unterschied, dass Europa dann auch involviert sein wird.

      LG
      Dude

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    2. für mich ist das problem weniger das "betroffen-sein-müssen" als vielmehr die selektive art des betroffen-seins.
      wo waren die tränen als in der Türkei über 100 menschen explodiert sind, oder bei den 40 in Beirut einen tag vor Paris?
      von den tausenden zivilisten in Afghanistan, Irak usw. will ich gar nicht reden.
      natürlich ist es menschlich desto mehr betroffen zu sein, je näher der tatort liegt und je vertrauter uns die menschen sind. aber aus sicht der opfer ist es schon zynisch, wenn vorwiegend muslimische tote in Damaskus bei uns gerade eine fußnote wert sind und für tote in Paris zum zweiten mal ein staatsakt anberaumt wird und die EU den krieg erklärt.
      damit erklärt man natürlich muslime zu menschen zweiter klasse und sorgt für neue rekruten bei den terror-vereinen.

      und ja, "der Westen" hat sich diese schlangenbrut natürlich größtenteils selbst geschaffen. die spur geht ja zurück bis zur operation cyclone in den 70ern. man kann daran gut erkennen, welche langfristigen folgen derartige maßnahmen haben und wie leichtfertig es auch jetzt wieder ist zu glauben, waffen für die "guten Peschmerga" würden irgend einen segen bringen.

      außerdem sind es natürlich WIR. wer denn sonst? regierungen? konzerne?
      WIR stehen daneben und lassen die herrschaften gewähren. und WIR profitieren von den post-kolonialen strukturen überall auf der welt.
      wären DIE nicht arm, wären WIR nicht reich. diese kognitive dissonanz werden wir nicht auflösen, indem wir die terroristen als quasi nachträgliche rechtfertigung für unser herablassendes verhalten benutzen, oder sie als argument gegen den schutz von flüchtlingen verwenden.

      lg
      don

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    3. @Duderich

      Den Vergleich mit Vietnam finde ich hochinteressant . Wir sind wohl an einem ähnlichen Punkt angelangt , das Interesse am Schaffen äußerer Feinde , um von der inneren Erosion abzulenken . Man darf gespannt sein , ob auch die Gegenreaktionen ähnlich ausfallen werden.

      Ebenfalls auffällig , daß beide , sowohl Vietnam als auch Syrien , stark begünstigt wurden von einer Lichtgestalt im amerikanischen Präsidentenamt , damals Kennedy ,heute Obama.

      @Don M.Tingly

      "Menschen zweiter Klasse"

      Zustimmung , damit verhunzen wir es uns wahrscheinlich mit viel mehr Muslimen als es Rechtsradikale je schaffen werden.

      Selbst geschaffen , bin ich mir nicht sicher. Natürlich haben gerade die Amerikaner (aber nicht nur) den Islamismus groß gemacht , aber das Phänomen hat nicht nur mit dem Westen zu tun , so wichtig ist der Westen nicht.
      Es geht auch ganz massiv um inner-islamische Probleme , die nichts mit uns zu tun haben.
      Die Zuweisung der Schuld an den Einzelnen spielt genau jenen in die Hand , die von den aktuellen Geschehnissen profitieren , und ja , das sind primär Wirtschaftsinteressen. Ich bin es nicht , der von den Interessen der Erdölindustrie profitiert und du vermutlich auch nicht.
      Weil jemand in einem System lebt , ist er nicht automatisch mit schuld. Es ist schon seltsam , wenn die Muslime als Ganzes in Sippenhaft genommen werden , gibt es einen Riesenaufschrei , zurecht.
      Als Mensch des Westens aber muß man sich das in aller Selbstverständlichkeit gefallen lassen , da wird mit zweierlei Maß gemessen. Und genau das ist auch einer der Gründe , warum bisher sowenig Widerstand ist im Westen , wer immer als Mitschuldiger mit im Boot sitzt , hat auch nicht das Selbstwertgefühl für Widerstand.

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    4. @Art Vanderley

      natürlich gibt es große "inner-islamische" probleme. unser problem ist, dass sich "der westen" dabei immer auf eine seite schlägt: nämlich auf die, von der er glaubt gerade im moment am meisten zu profitieren.
      im Irak wurden die Saddam-kritischen Schiiten an die macht gebracht, wo sie revanchistisch natürlich sofort anfingen die Sunniten zu unterdrücken, die dann mit wehenden fahnen zu Daesh übergelaufen sind.
      zu dem Daesh übrigens, den es ohne ideologische und finanzielle unterstützung durch die saudischen und qatarischen Wahabiten gar nicht gäbe. den protektoren des wahabitischen steinzeit-islams wird bei uns aber regelmäßig der rote teppich ausgerollt, wenn es um waffenlieferungen, investitionen oder öllieferungen geht.
      ganz ehrlich: mich ko... der saudische könig, in dessen namen frauen wg. ehebruchs geköpft werden nicht weniger an als Djihadi John. wie soll man den einen verurteilen, während man mit dem anderen ins bett steigt?
      über die unrühmliche rolle der Türkei möchte ich gar nicht reden.

      und dann zum system:
      es ist mir schlicht zu billig, "das system" immer als rechtfertigung des persönlichen phlegmas zu akzeptieren. insbesondere, wenn das "ganz nebenbei" dazu führt, dass ich mir einen wesentlich höheren lebensstandard auf kosten anderer erlauben kann.
      natürlich profitierst du genauso wie ich von den interessen der erdölindustrie. würden die verboten (was die einzige chance wäre, den klimawandel noch einigermaßen abzumildern) müssten wir unsere lebensgewohnheiten gewaltig umstellen: das würde von weniger individueller mobilität, über teurere lebensmittel mangels kunstdünger und pflanzenschutz, bis zu teureren medikamenten reichen. anders wäre unser kapitalistisches system gar nicht am leben zu erhalten: die konzerne erkaufen sich ihre absolution durch die vordergründigen annehmlichkeiten, die sie uns ermöglichen. WIR leben auf kosten der anderen und auf kosten künftiger generationen.
      WIR stützen das system entweder durch aktiven beitrag oder mindestens durch passives mitlaufen. diesmal sind es eben nicht die nachbarn, die plötzlich abgeholt werden, "aber ich wusste ja von nichts."
      diesmal sind es die inseln und küstenregionen, die versinken und die kinder, die täglich verhungern, von denen "WIR nichts wissen".
      dabei wäre es heute wesentlich leichter und weniger gefährlich sich zu wehren. keiner riskiert das schicksal einer Sophie Scholl, wenn er sich dem konsumismus verweigert. jeder hat seinen - wenn auch noch so kleinen - handlungsspielraum. und aus purer bequemlichkeit nutzen WIR ihn nicht. und genau deshalb, sind WIR schuld. WIR und niemand sonst.

      sehr zu empfehlen zu dem thema:
      https://www.youtube.com/watch?v=5PW5xmr4PKU

      insbesondere ab minute 24:30.

      lg

      don

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    5. Sehe ich genauso wie Du, Don:
      Egal, wo man sich politisch oder haltungsmäßig verordnet, sollte man sich bewußt machen, in wie fern man von dem profitiert, was man ideologisch bekämpft.
      Wir Oppositionellen machen uns schuldig, weil wir durch unser Kaufverhalten den Kapitalismus, den Neoliberalismus am Leben halten.
      Im Namen der westlichen Welt werden Krankenhäuser bombadiert und unschuldige Opfer in Kauf genommen. Wir zeigen mit dem Finger auf Andere, während wir selbst Terror verbreiten, um einen vermeintlichen 'Status Quo' aufrecht zu erhalten.
      Das ist auch der ursprüngliche Grund, warum ich den Blog-Text verfasst habe. Es ist nicht cool sich mit Frankreich zu solidarisieren. Denn damit lenkt man vom Terror ab, den man selbst mitverantwortet, aber gottlob weit von uns entfernt ist.
      Und es ist der IS Schuld und andere Verblendeten, aber natürlich nicht wir, wenn unzählige im Mittelmeer auf der Flucht verrecken.
      Und jetzt wird versucht, das wegzubomben, was man herbeigebombt hat.
      Die Eskalationsspirale dreht sich munter weiter, aber es gilt heutzutage wohl als vernünftig, einen Krieg zu führen, den man niemals gewinnen kann. Und der Treppenwitz ist dabei noch, dass wir in Handelbeziehung mit denen (Saudi Arabien) stehen, die den islamischen Fundamentalismus leben und unterstützen. Ein Vergewaltigungsopfer gilt dort als Täter, es wird dort gesteinigt und der IS finanziell unterstützt.
      Wir liefern dort Waffen hin. Und wir schreien 'Terror' wenn die Konflikte, die wir auslösen, in unsere Nähe getragen werden.

      Meine persönliche Angst vor Terroranschlägen hält sich in Grenzen. Statistisch wahrscheinlicher ist es, von einem Hai getötet, oder von einem Blitz getroffen zu werden.
      Ich will nichts herunterspielen, denn ich verabscheue den Terror durch die Anschläge in Frankreich.
      Es soll nicht relativierrend klingen, wenn ich ebenso den Terror verabscheue, der die westliche Welt und Wertegemeinschaft verbreitet.
      Während wir Guantanamo verdrängen, schreien wir 'Terror' und fordern die Würde der Menschenrechte ein.
      Warum sind unschuldig Getötete durch den Krieg gegen den Terror im Nahen Osten, weniger bedauernswerter als Unschuldige in Paris?
      Sich mit Frankreich zu solidarisieren engt den Begriff der Solidarität ein. Damit wird ausgeklammert, das JEDES unschuldige Opfer, eines zu viel ist. Egal ob Europäer oder Muslim.
      Denn alles andere ist eine Scheinmoral, bei der alle gleich, aber manche GLEICHER sind...

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  6. @Don M.Tingly

    Dieser dauernde westliche Schuldkomplex entspringt selber dem kolonialen Denkmuster , vielleicht ist er sogar der historische Höhepunkt desselben.
    Nur wer sich als Gesellschaft für allmächtig hält , kann auch an allem schuld sein.

    Es ist ein Riesenunterschied , ob ich zu den reichen Profiteuren eines Systems gehöre oder ob mich irgendwie mit ihm arrangieren muß.
    Warum soll ich jetzt ständig versuchen , z.B. Produkten auszuweichen , die mit Hilfe von Erdöl hergestellt werden ? Auch das ist eine Form der Umverteilung von oben nach unten , die Konzerne hätten die Macht und die Struktur zur sofortigen Veränderung und freuen sich über Aussagen wie deine , auch diese Verantwortung können sie noch nach unten abwälzen.

    Viele durchaus kritische Geister ziehen es vor , immer von der Schuld der Konsumenten zu reden und merken gar nicht , daß sie dabei eine Kernthese des Neoliberalismus bereits voll übernommen haben , nämlich daß immer der Einzelne schuld ist und daß systemische Zwänge keine Rolle spielen.
    Etwas Andeers ist es mit dem Bewußtsein des Einzelnen , wer nix denkt , wer hurra schreit angesichts der Verhältnisse , oder wer gar diejenigen angreift , die eine Kritik an den Zuständen versuchen , dem kann man tatsächlich eine Mitschuld geben , eine pauschale Zuweisung aber ist letztlich braves Untertanendenken , nur eben in der scheinbar linken Variante.

    Deinen Aussagen im ersten Teil stimme ich vollständig zu.

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  7. @ Art:

    deiner argumentation folgend, frage ich mich, was wir dann überhaupt hier machen?
    wenn die "konzerne" (was immer das sein mag, wenn man die mitarbeiter wegdenkt) ein system bestimmen, mit dem man sich ohnehin nur noch irgendwie arrangieren kann, dann können wir ja jedes denken geschweige denn handeln, einstellen.
    es wird doch keiner gezwungen, eine neoliberale partei zu wählen. warum machen es dann 90%?
    es wird auch keiner gezwungen sich alle paar monate das neueste handy zu kaufen, ein billig-shirt von H&M oder neue möbel von IKEA. keiner wird genötigt, die BILD zu lesen oder RTL zu schauen. und das wir uns das streiken von gerichten verbieten lassen gibts auch nur in Deutschland

    natürlich brauchen wir am ende gesetzliche regelungen. aber damit ein sog in die richtige richtung entsteht, müssen wenigstens ein paar voran gehen, die den leuten klar machen, dass es kein richtiges leben im falschen geben kann und dass es ohne einschränkung keine zukunft geben wird.

    lg
    don

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  8. @Don M.Tingly

    Zwischen Denken und Handeln-Können besteht ein wesentlicher Unterschied.
    Auf das Denken , stimme dir zu , hat jeder unmittelbaren Einfluß und kann damit auch dafür verantwortlich gemacht werden.
    Aufs Handeln nicht so sehr , klar kannst du versuchen , ein paar Sachen besser zu machen , aber ich würde mir jetzt nicht zutrauen , das "gute" Leben zu führen , man wird immer irgendwo das System unterstützen.

    Macht auch nichts , es gibt keinen Zwang , das System durchweg Scheiße ffinden zu müssen , diejenigen , die so argumentieren , müssen schon überzeugen und sollten nicht immer so tun , als hätten sie schon recht , weil sie das System angreifen .
    Dein Beispiel vom Billig-Shirt ist schonmal falsch , was sollten höhere Preise ändern an den Bedingungen vor Ort ?
    Das ist so ein Ding , daß wir - ich nehme mich nicht aus - uns von der Besser-Konsumenten - Ecke heben aufs Auge drücken lassen.
    Wenn denn die Löhne , was unbestreitbar ist , katastrophal niedrig sind bei den Arbeitern in der Herstellung , warum sollten dann selbst drastische Lohnerhöhungen Auswirkungen auf den Endpreis im Westen haben?

    Das ist in sich unlogisch , aber eine dieser unverrückbaren "Wahrheiten" , die von links gerne behaputet werden .

    Für die gesetzlichen Regelungen ist Denken viel wesentlicher als Handeln , weil sich vieles nunmal nur kollektiv verändern läßt.
    Daß der Zustand unseres Wirtschaftssystems viel zu tun hat mit der Verweigerung des Denkens , damit hast du mehr als recht , nur darf man nicht automatisch jeden gleichmachen , damit beraubt man sich auch selber der Glaubwürdigkeit.

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