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Dienstag, 14. März 2017

Des Wüterichs neue Kleider

Abteilung: Getürkt

Es ist wirklich eine Schmierenkomödie, die sich da auf den internationalem Parkett abspielt. Erdogan gibt den Wüterich und ich prognostiziere jetzt schon (unabhängig vom Ausgang des Referendums in der Türkei) dass nach dem 16. April die inszinierte Eskalation ganz schnell abkühlen wird.
Denn, wenn man sich vom Gepolter nicht ablenken lässt, dann steht Erdogan mit dem Rücken zur Wand. Die Wirtschaft hängt in den Seilen, da sich das Kapital (und auch die Touristen) nachvollziehbarer Weise zurückzieht. Die Türkei dürfte es in Zukunft ziemlich schwer haben, ihre Schuldenlast zu bedienen.

Die innenpolitische Lage in der Türkei gibt auch genügend Anlass, mit absurden Faschismusvorwürfen von ihr abzulenken: Die öffentlichen Dienste sind überlastet, da gerade dummerweise u.a. tausende Beamte einsitzen. Und so herzlos und unsensibel es sich auch anhören mag, so bleibt es doch im Kern wahr: Massenhaftes Wegsperren tausender Oppositioneller (Neusprech: Terroristen) kostet 'Humanresourcen' (ein Anwärter für das menschenverachtenste Wort, welches sich Menschen jemals ausgedacht haben) und viel, viel Geld. Zusätzlich sehr hohe Rüstungskosten und wenig auf der Einnahmenseite. Da wird der lukrative Flüchtlingsdeal für Erdogan schnell wichtiger als für Merkel. Besonders nach der Bundestagswahl.

Und man muss auch weder Hellseher noch Politologe sein, um zu wissen, dass man Opposition nicht dauerhaft wegsperren kann. Ist keine nachhaltige Lösung. Geht schief. Immer. Binse.
Außenpolitisch steht die Türkei unter Erdogan ebenfalls isoliert da. Putin nimmt den keifenden Wüterich nicht ernst. In Richtung Putin poltert Erdogan nicht (mehr). Putin würde Erdogan vermutlich auslachen, wenn dieser dort Wahlveranstaltungen abhalten wollte. Die Beziehung zu seinen geographischen Nachbarn könnte ebenfalls besser sein. Dann noch Syrien und der Kurdenkonflikt.

Obwohl ich Erdogan für cholerisch halte (oder ihm nur seine Rolle abkaufe?) bezieht Erdogan seine Motivation meiner Einschätzung nach nicht aus Wut, sondern aus purem Kalkül. Europa ist der Resonanzkörper für seine Ablenkungsmanöver, die von den eigenen Problemen ablenken sollen.  Außerdem kann er so sein Alpha-Männchen-Image pflegen, was bei vielen TürkInnen offensichtlich gut ankommt.

Nun, die Prognosen sehen die Gegenbewegung im Vorteil. Da kann man sich ja nach Trump und Brexit entspannt zurücklehnen...

Was ich mir im Moment nicht ausmalen kann, ist die Reaktion Erdogans auf ein gescheitertes Referendum. Meine Phantasie stößt da an ihre Grenzen.
(Liebe Leser, bitte helft mir und postet mögliche Szenarien - die nicht ernst gemeint sein müssen)

Na, und wenn er gewinnt? Worst Case? Dann bleibt abzuwarten, wie er seine neue Macht gebrauchen wird. Meine Prognose in diesem Szenario ist, dass er nach einem erfolgreichen Referendum relativ schnell und in großer Zahl die Oppositionellen (darunter Yücel) frei lassen wird. Die Oppositionellen können das Referendum ja nicht mehr beeinflussen, und ewig kann man sie nicht einsperren (s.o.).
Und dafür wird er sich feiern lassen! Große Geste und so. Erdogan der Menschenfreund und Demokrat.
Dann geht's in die nächste Runde...

Ich bin ein großer Fan von 'Game of Thrones'. Aber manchmal ist die echte Welt noch spannender als die fiktive. Blöd nur, dass man in der echten Welt mit den Konsequenzen leben muss...

Kommentare:

  1. Die Personalisierungsmethoden der Massenmedien sollte uns nicht glauben lassen, dass Trump die USA ist, Erdogan die Türkei und Putin Russland. Sie sind zwar die Staatsführer der jeweiligen Länder, aber nicht die Länder selbst. Es gibt Ministerien, Behörden, Verwaltungen, das Militär, Banken, Konzerne, Vermögende, Lobbyisten etc. - die auch alle noch was zu sagen haben. Auch in der Türkei. Das wird oft und gerne vergessen, weil man so medial alles auf eine Person reduzieren kann.

    Was auch häufig vergessen wird: türkische Politiker haben seit Jahrzehnten versucht, Mitglied der EU zu werden. Immer wurden sie brüsk abgelehnt, mit dem Vorwurf der mangelnden Menschenrechte. Dabei gibt es innerhalb der EU viele Länder, denen man das auch vorwerfen könnte, wenn man denn wollte. Der türkische Vorwurf, die EU sei ein Christenclub, kann man nicht von der Hand weisen. Die Türkei stand politisch schon immer zwischen westlichen und östlichen Modell. Wenn man ihnen nun immer wieder die Tür vor der Nase zuknallt, darf man sich auch nicht wundern, dass sie sich politisch irgendwann nach Osten, Richtung Iran, orientiert. Genau in diesem Prozess sind wir gerade.

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    1. Was Du da schreibst ist natürlich auch Teil einer (über-)komplexen Wahrheit.
      Danke für die Ergänzung!

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  2. Humanressourcen? Da gebe ich Dir Recht – nur dass sich diesen menschenverleugnenden Terminus eben keine Menschen,sondern Unmenschen aus dem vergifteten Hirn
    gekrökelt haben. Wir wissen ja, wie es ausgehen kann,
    wenn Menschen wie Stückgut behandelt werden (z.B. in einer Anzahl >100 (in einen G 10-Güterwagen der DRG zusammengepfercht) einige tausend km Richtung KZ transportiert wurden, im Schneckentempo zudem …)
    >Humanressourcen< aber evozieren die Vorstellung von
    Schüttgut (und ein amerikanischer Schüttgutwagen heißt
    >Dumper< – weitere Auslassungen überlasse ich dystopischen Phantasien ;D)

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    1. Früher hat man dazu halt "Menschenmaterial" gesagt. Humanressource ist absolut nichts anderes, klingt aber besser.

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  3. Mal ernsthaft gefragt: Was habe ich unter "Getürkt" semantisch zu verstehen. Bisher kenne ich zwei Erklärungen.

    1. Das Wort bezieht sich auf einen Scheinangriff, bzw. Attrappen der türk. Armee in ihrer Geschichte. Hat also etwas diskriminierendes bezügl. Türken.

    2. Kommt von Turkey, einem Flop beim Drogenkonsum.

    Klärst Du mich auf?

    Herzliche Dank und nix für ungut.

    PS.: Jetzt kann es sein, das mein Kommentar doppelt erscheint oder gar nicht. Zweiten bitte löschen oder die Sperre begründen. Danke!

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    1. Die Sätze und Worte, die hinter "Abteilung:" stehen, sind nicht ganz ernst gemeint und meistens Wortspielereien.
      "Getürkt" war hier gedacht als "vortäuschen, fälschen" (s.a. Wikipedia)
      Eine Diskriminierung war hierbei nicht beabsichtigt.
      Ich habe überhaupt nichts gegen Türken, nur gegen Erdogan und für was er steht.

      LG
      Duderich

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