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Freitag, 22. September 2017

Wahlkrampf

Abteilung: Schlecht gemachte Verarsche

Ich sehne mir immer mehr den Wahlsonntag herbei.
Denn ich ertrage diese permanente Gehirnlobotomie langsam nicht mehr.


Immer mehr Menschen haben immer berechtigtere Ängste vor dem eigenen sozialen Abstieg. Die Agenda 2010 hat das Feld bestellt: Der Abstieg in Hartz IV ist nur für wenige Priveligierte ein nicht reales, sprich: mögliches Schreckensgespenst.
Man muss schon sehr viel Kapital angehäuft haben um sich nicht davon bedroht zu fühlen, nach dem Verbrauchen der eigenen Kapitalreserven und dem Ablauf von einem Jahr ALG I-Bezug im Hartz IV zu landen. Und es ist ja auch schier unwidersprochen unstrittig, dass man dort wirklich unten angekommen ist. Dass man von ganz unten auch sehr schwer wieder nach oben fahren kann.
Die Metapher der immer schneller nach unten fahrenden Rolltreppe ist nicht von mir, aber trotzdem gut. Man muss immer schneller laufen (respektive die Selbstausbeutung immer beherzter vollziehen) um überhaupt auch nur den eigenen Status zu bewahren.
Und, jetzt kommt die Gretchenfrage:
Wer ist der Verursacher dieser Angst?
Wer bedroht meinen sozialen Status, wen gilt es zu bekämpfen?

Ihr ahnt es bereits: Es sind die Flüchtlinge! Und natürlich auch die Sozialschmarotzer, die sich in der 'sozialen Hängematte' (danke übrigens posthum für diese äußerst kreative Wortschöpfung, Herr Westerwelle!) ausruhen.

Wer käme auch schon auf den Gedanken, die SPD dafür verantwortlich zu machen, die ja ausgerechnet für soziale Gerechtigkeit wirbt? Die sich nie von dieser Agenda des Schreckens und der sozialen Spaltung distanziert hat und sich dafür von der CDU loben lässt?
Und da lächelt dann Schulz gönnerhaft von den Plakaten herunter. Und phantasiert von einem Wahlsieg in der Hoffnung auf die Kräfte der selbsterfüllenden Prophezeiung. In der Hoffnung auf die Dummheit und Vergesslichkeit der Wähler.
Es beleidigt mich dann doch, dass ich als Wähler für so hirnentkernt gehalten werde.
Wenn man mich denn verarschen will, dann doch bitte mit mehr Niveau. Jeder Hütchenspieler erscheint im Vergleich dazu als Ausgeburt der Seriosität.

Und wenn sich dann die Abgehängten bedroht fühlen durch die Konkurrenz von Flüchtlingen in dem unwürdigen Kampf um billigen Wohnraum und selbstausbeuterischen Arbeitsverhältnissen - wer ist dann Schuld?

Klar, die AfD, eine Ansammlung von rassistischen Arschlöchern, deren Geschäftsmodell es nun mal ist, genau die Ängste zu bedienen, die eine Partei hervorgerufen hat, deren Kanzlerkandidat für soziale Gerechtigkeit wirbt.
Und nach einem erneuten Desaster der erkenntnisresistenten SPD und den Einzug der AfD in den Bundestag wird man wohl erneut vermeintlich selbstkritisch feststellen, dass man die tollen Inhalte leider nicht gut genug vermitteltn konnte.

Über die SPD habe ich vermutlich viel zu viel geschrieben. Dafür spare ich mir dann jeden weiteren Kommentar zur CDU, FDP, den Grünen und, ja, der AfD.

Die Wahlprognosen beweisen wieder einmal, dass der Kakao, durch den der Wähler gezogen wird auch weiterhin durstig getrunken wird.

Ab nächsten Sonntag werden wieder sämtliche unmenschliche Schweinereien demokratisch erneut legitimiert werden.
Man darf sich ja nur beschweren, wenn man gewählt hat. Aber die Unzufriedenheit wird dann ja auch während der Legislaturperiode eingetütet. Parlamentarische Demokratie, halt. Man kann ja nächstes Mal was anderes wählen.

Ich habe seit vielen Jahren immer die Partei DIE LINKE gewählt. Ohne diese Opposition sähe es meiner Meinung nach noch schlechter aus.

Aber diesmal wähle ich bereits jetzt etwas anderes, nämlich Die PARTEI. Denn ich hoffe, dass die Partei diesen ganzen Irrsinn weiterhin den Spiegel vorhält. Denn ernstnehmen kann ich diesen ganzen Irrsinn nicht mehr. Ich entziehe mich dieser Simulation eines gestaltenden Ausdrucks des Souveräns.

Denn ich fühle mich nicht als Souverän. Ich empfinde mich eher als Handreicher des Bühnenbildners dieses Kasperltheaters.

Diesem Empfinden kann ich am besten Ausdruck verleihen, in dem ich Die PARTEI wähle.

Sehr schön dazu ist dieser Text von Susannah Winter.
Vielen Dank an die Schrottpresse für die Verlinkung dazu.


Kommentare:

  1. Du willst auch die partei Die PARTEI wählen?

    Willkommen im club ;o)

    Eigentlich war ich ebenfalls LINKSwähler aber seit einiger zeit habe ich meist Die PARTEI gewählt, sie ist sehr gut. Noch nie war ich mit »meinem« EU-abgeordneten so zufrieden wie mit Martin Sonneborn. Und diesmal die einzige PARTEI, die den drögen wahlzirkus ein wenig gescheiter angegangen ist.

    p/s: schön, daß Du weiterbloggst. »Schaffenskrisen« hat wahrscheinlich jeder mal. Das heißt aber nicht, daß man deswegen aufhören müßte oder sollte. Vor allem online-streitigkeiten, wie auch immer sie aussehen mögen, sollte man nie überbewerten. Das ist oft ärgerlich, hat aber auf das offline-leben kaum einfluß, wenn man das so möchte.

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    1. Ein langer Text zum aufhören und ein langer Text zum weiter machen.
      Jetzt kann ich mich wieder dem 'Tagesgeschäft' widmen. :-)

      Ja, Du hast Recht, die Partei ist sehr gut!

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  2. Tausend Dank fürs Verlinken. Und: Ich war ehrlich unentschlossen, was ich wählen soll. Obwohl ich überzeugte Demokratin bin, politisch interessiert und informiert. Die Hasstiraden der letzten Tage haben mich so weit getrieben, dass ich jetzt sogar einen Mitgliedsantrag bei "Die Partei" gestellt habe. Ist heute raus. (Mit dem Vorbehalt, dass ich immer potenzieller Wechselwähler bleiben werde. Parteientreue ist nicht meins.) Danke jedenfalls für deine Worte und liebe Grüße

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    1. Nach dem unwürdigen Geschreibsel von Stefan Kaul (sehr gute Replik übrigens von Dir) ist man ja schon fast gezwungen, die PARTEI zu wählen und/oder finanziell zu unterstützen. Jetzt gerade, mag man sich da denken.
      Wenn Die Partei bei der aktuellen Bundestagswahl ein respektables Ergebnis erzielt (2%+X) dann könnten sich vielleicht noch mehr Protestwähler für 2021 formieren um Die Partei über die 5%-Hürde zu hieven.
      Nebenbei wird Die Partei ja im Oktober Klage gegen die 5%-Hürde einreichen:
      http://www.fr.de/politik/bundestagswahl/die-partei-sonneborn-wir-klagen-im-oktober-dagegen-a-1353377

      Noch eine (vorerst) gute Nachricht zum Schluss:
      https://www.heise.de/tp/features/PARTEI-gewinnt-Parteifinanzierungsprozess-3837899.html

      Liebe Grüße zurück!

      Hast nen tollen Blog!

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  3. Danke dir. Das Kompliment gebe ich gerne zurück. Und ja, um überhaupt noch den Anspruch "repräsentativer" Demokratie ernst nehmen zu können und angesichts der Masse an Wählern die nur deshalb ihr Kreuzchen bei den Großen machen aus Angst, ihre Stimmt könnte sonst im Papierkorb landen, ist die Klage sinnvoll und berechtigt. Nach dem Urteil von gestern hat man da ja beinahe Hoffnung, was? ;)

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    1. Die Abschaffung der Prozenthürde wäre natürlich ein Dammbruch. Dass würde den etablierten Parteien Stimmen kosten und eine Regierungsbildung erschweren.
      Die kleinen Parteien würde das ungemein stärken, weil die Stimmen für die <5%-Parteien ja in Mandate münden würden.
      Die Konstellation im Bundestag wäre viel bunter, die Debatten interessanter und es wäre sicherlich ein guter Schritt im Sinne demokratischer Willensbildung und würde manche verkrustete Strukturen aufbrechen...

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  4. Hallo Duderich,

    mal ganz woanders her. Was bringt es eine Ressource zu verschleudern um dem Kindergarten zu zeigen "Ätsch, ihr seid alle doof?"
    In fast jedem der Blogs, die ich regelmäßig lese, sehe ich: Ich wähle ´Die Partei´? Was hab ich bei euch verpasst? Wie siehts aus mit rationalem Denken?
    Irgendwie entfernt man sich dadurch von der Realität und gibt dem Ganzen noch einen humoristischen-intellektuellen Anstrich.

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    1. Nachdem Sie sich nun mit vielen Argumenten befasst haben: Was genau ist denn Ihrer Meinung nach nicht rational und damit für Sie nicht nachvollziebar? Und was genau lässt Sie glauben, wir würden "realitätsfern" handeln? Wenn Sie mit Ihrer Kritik ein wenig konkreter werden helfe ich Ihnen gerne herauszufinden, was Sie verpasst haben. Mit freundlichen Grüßen

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    2. Es fängt ja schon damit an, dass bestehende Verhältnisse unhinterfragt als 'rational' wahrgenommen werden.
      Die Ausbeutung gegenüber Anderen ist rational.
      Im Smartphone sind bspw. seltene Erden, die ausbeuterisch gewonnen wurden rational.
      Die Kleidung, die man trägt, wurde unter unwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt.
      All das wird nicht hinterfragt.

      Der Wohlstand, den komischer Weise andere genießen als man selbst, basiert aus Ausbeutung. Ausbeutung nicht nur der deutschen Arbeitnehmer, sondern auch weltweit.

      Wenn man die etablierten Parteien wählt, dann zementiert man die Ausbeutung und Armut hierzulande, aber auch weltweit.

      Wenn man es nur zum Tellerrand betrachtet, dann mag man ausschließlich hoffen, seinen eigenen Status zu erhalten.
      Wenn man aber über den eigenen Tellerrand hinausblickt, dann stellt man hierzulande extremen Reichtum und andererseits immmer mehr Armut fest.
      Kinderarmut hier, an Hunger verreckende in Afrika und ersaufende Flüchtlinge anderswo.

      Jeder sollte sich vor einer Wahl fragen, ob er ausschließlich für seine Belange wählt, für die seiner Nation, oder für die Belange einer Weltgemeinschaft.

      Es reicht vermutlich nicht, einmal in vier Jahren ein Kreuzchen zu machen.
      Auch in seinem Alltag sollte man für etwas stehen.
      - Für sich
      - Für Deutschland
      - Für Europa
      - oder für alle Menschen

      Wenn man den seine Wahl getroffen hat, dann werden Entscheidungen relativ einfach.

      Wenn man sich als Teil einer Weltgemeinschaft sieht, dann prallen neoliberale Argumente relatiev schnell ab.

      Die Realität ist selbst absurd.
      Parteien, wie Die PARTEI spiegeln dies nur.

      Die erste Frage, die man sich selbst stellen sollte, ist, ob man die gegenwärtigen Zustände als normal und gerecht betrachtet.

      Alles weitere ergibt sich dann fast von selbst...

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    3. Nun alle diese Argumente sind wohlfeil.
      Ich stimme dem allen zu, aber ich vertraue da nicht auf schnelle Umsetzung.
      Die gegenwärtigen Zustände sind unhaltbar: Darum ist es mir lieber, es passiert in den nächsten 4 Jahren etwas, als erst in 8, wenn die Partei dann auch mal im Bundestag angekommen sein sollte.
      Im Prinzip ist es mir wurscht was ihr wählt - ich wollte es nur verstehen.

      allet jute

      :)

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    4. @Anonym:
      Welcher Partei traust Du denn zu in den nächsten vier Jahren in Deinem Sinne zu verändern?
      Ist keine rethorische, sondern eine ernst gemeinte Frage.

      Och Dir allet jute!

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